Terror-Akte in Kopenhagen, eine Warnung vor einem Anschlag auf den Karnevalsumzug in Braunschweig: Wie sicher ist Deutschland? Der Soziologe Wolfgang Bonß erforscht an der Universität der Bundeswehr in München, was Öffentliche Sicherheit ist, wie man sie misst und wie sie sich verändert.

ZEIT ONLINE: Polizeiwagen vor Redaktionen, Wachleute vor Gebäuden, bewaffnete Grenzschützer an Bahnhöfen: Wenn in Deutschland die Gefahrenlage für terroristische Anschläge gestiegen scheint, werden "Sicherheitsmaßnahmen" verstärkt. Schafft so ein Aufrüsten tatsächlich mehr Sicherheit?

Wolfgang Bonß: Mir ist kein Fall bekannt, in dem so etwas einen Anschlag nachweislich verhindert hätte. Das gilt für den 11. September 2001 wie jetzt für die Taten in Paris und Kopenhagen – in allen Fällen haben vorhandene Strategien versagt und Wissen ist nicht genutzt worden. Ziemlich sicher lässt sich etwas anderes sagen: Die von Ihnen beschriebenen Maßnahmen, so sinnvoll sie im Einzelfall sein mögen, machen der Bevölkerung Angst. Das subjektive Sicherheitsgefühl nimmt durch solche Aktionen ab, und dies umso mehr, je martialischer sie wirken.

 ZEIT ONLINE: Wie lässt sich Öffentliche Sicherheit messen?

Bonß: "Öffentliche Sicherheit" ist ein komplexer juristischer Begriff. In der Praxis geht es um das, was man "Sicherheit im öffentlichen Raum" nennt. Sie umfasst Risiken im Straßen-, Bahn- und Flugverkehr ebenso wie Kriminalität oder Gesundheitsrisiken. Auch die Gefahr, Opfer eines Terroranschlags zu werden, gehört dazu. Manche zählen das Internet zum öffentlichen Raum. Dort ist Datensicherheit ein riesiges und unterschätztes Thema. Ich denke, für die Bürger in Deutschland geht eine größere Bedrohung davon aus, dass sie nicht mehr wissen, wer ihre Daten speichert und wofür sie verwendet werden, als von den Aktivitäten Krimineller oder Terroristen.

ZEIT ONLINE: Lebt es sich in Deutschland gefährlicher als früher?

Bonß: Schwer zu sagen, grundsätzlich aber eher nicht. In vielen Bereichen ist das Sicherheitsniveau gestiegen – etwa im Straßenverkehr. Manche heiß diskutierten Bedrohungen werden, gemessen an den tatsächlichen Todesfällen, übertrieben. So ist die Wahrscheinlichkeit, beim Spazierengehen von einem herabfallenden Ziegel getroffen zu werden, weit höher als die, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden. Und die Bedrohung durch Straftaten ist hierzulande gesunken. All das heißt keineswegs, dass die Gesamtsicherheit gewachsen ist. Weil die Handlungsmöglichkeiten in unserer globalisierten Welt um ein Vielfaches größer sind, ist auch die Wahrscheinlichkeit für extreme Unfälle und Taten gestiegen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit genau?

Bonß: Die Menschen sind mobiler, können einfacher reisen, sich vernetzen, Waren beschaffen, Informationen austauschen. Ein Beispiel: Ohne Globalisierung und digitale Kommunikation hätte man in Ländern, in denen Islamisten mit gewaltsamen Protesten auf Mohammed-Karrikaturen reagiert haben, wohl auch nie etwas von der Arbeit der Karikaturisten von Charlie Hebdo erfahren. Früher getrennte kulturelle Sphären kommen heute direkt miteinander in Berührung. Das gilt im Positiven wie im Negativen. Wer dabei wann und wie andere gefährden wird, kann man kaum vorhersagen. Dies mag bedauerlich sein, aber entgegen aller Kontrollphantasien bleibt unsere Sicherheit unberechenbar.

Für die Bürger in Deutschland geht eine größere Bedrohung davon aus, dass sie nicht mehr wissen, wer ihre Daten speichert und wofür sie verwendet werden, als von den Aktivitäten Krimineller oder Terroristen.
Wolfgang Bonß, Soziologe in München

ZEIT ONLINE: Gibt es keine harten Zahlen, Fakten, Studien? Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie sicher es in Deutschland ist. 

Bonß: Diese Enttäuschung kann ich Ihnen nicht nehmen. Zwar gibt es Ansätze, Sicherheit zu messen – etwa anhand von Todesfällen, über Schadensstatistiken oder durch das Festlegen von Indikatoren für Sicherheit. Wie neue Big-Data-Analysen zeigen, werden auf diese Weise durchaus neue Zusammenhänge sichtbar. Aber die Zahlen und Fakten sind in der Regel längst nicht so hart wie angekündigt. Eine repräsentative Aussage zur "Gesamtsicherheit" in Deutschland gibt es nicht. Sicherheitsmessungen werden immer unzureichend bleiben. Das liegt auch an dem subjektiven Gefühl von Sicherheit, das man berückichtigen muss.