Allein im Container: Diese ältere Frau lebt seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima in einer Behelfsunterkunft. © Issei Kato/Reuters

Sie starben herausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung, vergessen in der Anonymität einer behelfsmäßig errichteten beengten Behausung: Rund einhundert "einsame Tote" will die japanische Tagesszeitung  Yomiuri Shimbun gezählt haben (Iuchi & Maly & Johnson, 2014). Sie waren Flüchtlinge des verheerenden Tsunamis und des Reaktorunglücks von Fukushima. Sie überlebten die Katastrophe und verwaisten in den Notunterkünften. 

Die einsamen Toten zeigen, dass auch vier Jahre nach dem Megabeben vor Japans Küste noch kein Alltag eingekehrt ist. Immer noch leben rund 230.000 Menschen in Appartements, die zu Zwischenunterkünften erklärt, oder kleinen Wohncontainern, die nach der Katastrophe zu Zehntausenden errichtet wurden.  

Mehr als die Hälfte dieser Menschen stammt aus der Präfektur Fukushima, dort wo viele Gebiete bis heute mit radioaktiven Partikeln aus dem maroden Kraftwerk an der Küste belastet sind. Von den offiziell erfassten Flüchtlingen sind nur wenige bei Freunden oder Verwandten untergekommen. Die Notunterkünfte waren eigentlich nur für zwei Jahre gedacht. Die meisten von ihnen sind kleiner als 30 Quadratmeter und alles andere als komfortabel.

"Wer Kontakte und das nötige Geld hat, geht woanders hin", sagt Ana Mosneaga, Wissenschaftlerin an der Universität der Vereinten Nationen in Shibuya. Sie erforscht den Einfluss der Katastrophe auf die Menschen und hat mit vielen Betroffenen gesprochen. "Es sind die Älteren und sozial schwächer Gestellten, die in den provisorischen Unterkünften zurückbleiben", sagt sie. Ehemalige Dorfgemeinschaften wurden auseinandergerissen. Das macht viele krank und einsam. Zerrissen zwischen dem Wunsch nach Rückkehr in kontaminierte Regionen und Neuanfang.

Die Strahlung wegschrubben

Zurückkehren in ihre Heimat konnten bisher nur wenige Menschen. Die Regierung versucht, mit Dekontaminierungsmaßnahmen einige strahlenbelastete Gebiete wieder bewohnbar zu machen. Erdschichten werden abgetragen, Häuser mit Hochdruckreinigern gesäubert und Mauern teilweise von Hand mit Bürsten abgeschrubbt. Gereinigt werden unter anderem Wohnhäuser, Parks, Spielplätze, Schulen, Straßen und Felder. 

Ziel ist es, die Strahlenbelastung in der Luft zunächst auf unter 20 und langfristig auf unter ein Millisievert pro Jahr zu reduzieren. Zum Vergleich: In Deutschland erhält ein Mensch durch natürliche Strahlung im Durchschnitt etwa zwei Millisievert pro Jahr. Ein erhöhtes Krebsrisiko lässt sich erst ab einer Jahresdosis von mehr als 100 Millisievert feststellen. Tatsächlich ist in Fukushima die Strahlenbelastung durch die Maßnahmen vielerorts erheblich gesunken, doch die Methode hat Grenzen. 

Zum einen haben sich die radioaktiven Partikel nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Auch in kaum belasteten Gebieten gibt es immer wieder radioaktive Hotspots. "Wenn man ganz genau sein wollte, müsste man den Menschen eigentlich sagen: Dieser Teil deines Hinterhofs ist belastet und dieser nicht – aber das ist nicht realistisch", sagt Mosneaga. Stattdessen werden großflächige Zonen mit verschiedenen Kontaminierungsgraden eingeteilt, die auch die Entschädigung der Einwohner bestimmen. So kann es passieren, dass Häuser auf einer Straßenseite gereinigt werden, auf der anderen aber nicht. Der eine Nachbar bekommt mehr Geld zur Entschädigung, der andere weniger. Das sorgt für Unmut. 

An Grenzen stoßen die Reinigungsbemühungen auch deshalb, weil die Region zu großen Teilen ländlich ist: Kleinere Ortschaften liegen zwischen bewaldeten Hügeln. "Wenn man die ganzen Wälder dekontaminieren wollen würde, müsste man alle Bäume fällen, was zu Erdrutschen führen und wiederum eine Katastrophe bedeuten würde", sagt Mosneaga. Wenn eine bewohnte Gegend an ein bewaldetes Gebiet grenzt, wird daher nur ein Bereich im Umfeld von 20 Metern gereinigt. Manche Häuser liegen jedoch mitten in bewaldeten Tälern. Selbst wenn im Umkreis um die Häuser alles gesäubert wird, können Regen, Wind und Erdrutsche neue radioaktive Partikel herantragen.