Hugh Herr kommt in abgeschnittenen Hosen auf die Bühne, damit das Publikum seine Beine sehen kann. Seine biologischen mussten ihm amputiert werden, nachdem er 1982 beim Eisklettern in einen Blizzard geriet und drei Tage in eisiger Kälte auf Rettung wartete. Damals galt Herr als Weltklasse-Kletterer. Heute auch. Er hat sich einige Prothesen gebaut, mit deren Hilfe er klettern kann wie sonst niemand. "Inspektor-Gadget-Beine" nennt er sie. 

"In Zukunft wird es keine Körperbehinderungen mehr geben", sagt der Gründer des Center for Extreme Bionics am MIT Media Lab. Noch im Laufe dieses Jahrhunderts werde es so weit sein. Daran arbeitet Herr. Dass möglicherweise nicht alle Betroffenen der Meinung sind, körperliche Behinderungen müssten eliminiert werden, spielt während seines Auftritts auf dem Festival South by Southwest (SXSW) in Austin keine Rolle.

Die BiOM-Beine, die Herr auf der Bühne trägt, ermöglichen es ihm, sich wie ein Mensch mit zwei gesunden Beinen zu bewegen, indem sie – batteriegestützt – die Muskeltätigkeit des Unterschenkels emulieren. Zum Klettern wechselt er auf ein anderes Modell.

Sein Team am MIT forscht an regenerativen Körperteilen, an Muskelmaschinen-Hybriden, an Exoskeletten. An der Verschmelzung von Natur und Technik und der Erweiterung des ganzen Menschen. Herr sagt: "Wir werden jenseits dessen gehen, was die Natur vorgesehen hat."

Nicht nur Hugh Herr beschwört auf dem SXSW das Zeitalter der Cyborgs herauf. Auch Geoffrey Ling tut das. Der Direktor der Biotechnik-Abteilung der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) ist eine erstklassige Rampensau. Eine vom US-Verteidigungsministerium bezahlte. Die Bühne, die man ihm in Austin überlassen hat, ist zwar einige Nummern kleiner als die für Hugh Herr. Dafür tobt er sich aus wie ein Comedian, auch wenn er alles absolut ernst meint, was er sagt. Er fuchtelt mit den Armen, und wenn er nicht schreit und Grimassen zieht, dann redet er zumindest wahnsinnig schnell. Über die von seiner Abteilung entwickelten bionischen Arme und über Hirnschnittstellen, die Menschen zu überlegenen, weil reaktionsschnelleren Piloten etwa von Kampfjets machen.

"Arm verloren? Wir geben Dir einen neuen"

Er zeigt Videos von der 55-jährigen Jan Scheuermann. Die Querschnittgelähmte ist nicht nur eine der ersten Patientinnen, die einen bionischen Arm von Lings Abteilung mit ihren Gedanken steuerte. Sie wurde auf ihren Wunsch hin auch an einen Flugzeugsimulator angeschlossen, um einen F35-Jet zu fliegen, ohne einen Finger rühren zu können. Und obwohl sie nie zuvor geflogen war, hielt sie die Maschine erstaunlich stabil in der (Simulator-)Luft. Mit ein bisschen Übung, sagt Ling später, wäre Scheuermann besser als heutige Piloten. Ihr größter Vorteil: Die Latenzzeit entfällt, das Gehirn spricht nicht erst den Arm und die Hand an, die den Steuerknüppel bewegen, sondern direkt das Flugzeug.

Lings Ziel: "Wenn jemand einen Arm verliert, wollen wir sagen können, kein Problem, wir geben Dir einen neuen." Sowohl er als auch Hugh Herr werden vom Publikum gefragt, ob sie glauben, dass sich körperlich vollkommen gesunde Menschen künftig freiwillig künstliche Gliedmaßen verpassen lassen wollen. Beide bejahen das ohne zu zögern. Solche Menschen gebe es schon heute, sagt Herr.

Auch in Deutschland. Enno Park vom Cyborgs e.V. in Berlin sagt: "Viele unserer Mitglieder würden durchaus natürliche Körperteile durch künstliche ersetzen, wenn diese besser sind. Allerdings liegt der Haken beim Wörtchen 'besser'. Selbst wenn Prothesen so etwas Ähnliches wie 'Superkräfte' bieten würden, sind sie in vielerlei Hinsicht trotzdem dem natürlichen Vorbild unterlegen und werden das auch noch sehr lange Zeit bleiben."