Im Zentrum des Krebsnebels sendet der zermalmte Kern des explodierten Sterns ähnlich einem Leuchtturm 30 Mal pro Sekunde Strahlungsblitze aus. Wie eine Art Dynamo versorgt dieser so genannte Pulsar das Innere des Nebels mit Energie. © NASA/dpa

Frage: Frau Bell Burnell, Reisen ins All begeistern die Menschen seit jeher, wie etwa der Film Interstellar zeigt oder die Diskussionen um bemannte Marsmissionen. Reizt Sie so ein Trip durch den Weltraum?

Jocelyn Bell Burnell: Natürlich interessiert mich das All, schließlich bin ich Astrophysikerin. Aber meine Arbeit kann ich vom Boden aus machen beziehungsweise mithilfe von Satelliten. Das genügt mir, ein Raumflug hat mich nie gereizt.

Frage: Andere Leute dafür umso mehr. Werden sie da draußen eines Tages Leben finden?

Bell Burnell: Ich denke, dafür muss man sehr weit reisen, über die Grenzen unseres Sonnensystems hinaus. Noch sind wir nicht in der Lage, solche weiten Strecken zurückzulegen. Aber wenn das gelingt, könnten uns Pulsare helfen, durch das Universum zu navigieren. Man muss nur ein großes Radioteleskop auf dem Raumschiff montieren, um ihre Signale zu empfangen. Daraus lässt sich dann die eigene Position berechnen.

Frage: Pulsare sind Ihr Forschungsschwerpunkt. Wie würden Sie Ihren Enkelkindern erklären, was darunter zu verstehen ist?

Bell Burnell: Das sind sehr kleine, sehr schwere Sterne, die sich sehr schnell um ihre eigene Achse drehen. Wie ein Leuchtturm senden sie einen Strahl von Radiowellen über den Himmel. Jeder Pulsar hat sein eigenes Muster von Signalen, so wie jeder Leuchtturm einen bestimmten Rhythmus hat.

Frage: Warum sind diese Objekte so interessant für Forscher?

Bell Burnell: Die Physik ist dort sehr kompliziert, weil alles so extrem ist: die Dichte, die Rotation, die Magnetfelder. Wir können viel von ihnen lernen und sie beispielsweise nutzen, um Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie zu testen. Das wurde mehrfach getan – und sie stand sehr gut da.

Frage: Sie sagen "sehr gut", aber nicht "hundertprozentig".

Bell Burnell: Als Wissenschaftler sagt man niemals "100 Prozent". Man kann sich nie absolut sicher sein, es könnten ja doch 0,000001 Prozent übrig bleiben, die man nicht überprüfen kann.

Frage: Welcher Teil von Einsteins Theoriegebäude ist noch nicht belegt?

Bell Burnell: Dazu gehört die Gravitation. Das ist eine drängende Frage, denn in der Physik können wir alle grundlegenden Kräfte in einer Theorie zusammenbringen, außer der Gravitation. Möglicherweise ist Einsteins Theorie von der Gravitation in bestimmten Punkten falsch. Deshalb testen Astronomen die Vorhersagen immer weiter.

Frage: Das ist beileibe nicht das einzige ungelöste Rätsel. Was sind die größten Fragen der Astrophysik in dieser Zeit?

Bell Burnell: Die, sagen wir, innerhalb der nächsten zehn Jahre beantwortet werden könnten? Da geht es zum Beispiel um den direkten Nachweis von Gravitationswellen, also Stauchungen der Raumzeit. Der steht noch aus, aber verschiedene Detektoren werden derzeit errichtet, die es schaffen könnten. Zwei weitere Themen sind Dunkle Materie und Dunkle Energie. Ich bin mir nicht sicher, ob wir Dunkle Energie in den nächsten zehn Jahren zu fassen kriegen, aber mit der Dunklen Materie könnte es gelingen. Das ist das Zeug, das man nicht sehen kann, das aber Gravitation erzeugt und die Galaxien zusammenhält, obwohl sie so schnell rotieren. Möglicherweise stellt sich am Ende heraus, dass es ein ziemlich exotisches Teilchen ist. Ein Kollege sagt neulich zu mir: Es ist ein Skalarpartikel! Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was das sein soll (lacht). Aber es ist schon bemerkenswert, dass Dunkle Materie und Dunkle Energie den größten Anteil des Universums ausmachen. Und wir haben keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt. Wir haben also ein echtes Problem.