ZEIT ONLINE: Sie behaupten in Ihrem Buch, dass wir in einem "mathematischen Universum" leben. Was meinen Sie damit?

Max Tegmark: Die radikalste und kontroverseste Idee in meinem Buch ist, dass unser Universum eine mathematische Struktur ist und nur mathematische Eigenschaften hat. Auf den ersten Blick mag das verrückt klingen, man sieht ja keine Zahlen am Himmel, aber wenn man die Welt als Physiker betrachtet, dann besteht alles um uns herum aus Teilchen wie Quarks und Elektronen. Und was für Eigenschaften hat ein Elektron? Minus eins, ein halb, eins. Wir haben komplizierte Namen für diese Eigenschaften wie elektrische Ladung und Spin, aber letztlich sind es nur Zahlen.

ZEIT ONLINE: Wenn man einen Ball wirft, dann beschreibt er in der Luft eine Parabel, aber er ist keine Parabel. Sie sagen, auf der tieferen Ebene der Materie gibt es nur noch Zahlen?

Tegmark: Der Ball hat noch weitere Eigenschaften, er ist zum Beispiel gelb. Aber bei Elementarteilchen ist das nicht so. Der vierjährige Sohn eines meiner Freunde fragte seinen Vater einmal: "Welche Farbe hat ein Elektron?" Mein Freund, der Physiker, sagte: Elektronen haben keine Farbe. Das konnte der Sohn gar nicht glauben. Wir stellen uns Elektronen immer wie kleine Tennisbälle vor, aber in Wirklichkeit sind da nur diese Zahlen. Vielleicht fragen Sie jetzt: Was ist denn mit dem Raum, durch den der Ball fliegt? Aber der Raum hat die Eigenschaft drei, das nennen wir seine Dimension. Einstein hat noch ein paar weitere Eigenschaften entdeckt, aber die sind auch rein mathematisch.

Schon Galilei sagte: "Die Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben." Aber damals konnte er nur einen winzigen Teil der Welt mathematisch beschreiben, nämlich die Bewegung. Galileo wusste nicht, warum eine Banane gelb ist und eine Kokosnuss braun, warum eine Banane weich ist und die Kokosnuss hart. Inzwischen können wir das mithilfe der Maxwellschen Gleichungen und der Quantentheorie beantworten. Der Teil der Welt, der uns nicht mathematisch zugänglich ist, wird immer kleiner. Eines Tages wird nichts mehr übrig bleiben.

ZEIT ONLINE: Was Sie bisher gesagt haben, kann man auch Semantik nennen: ob die Mathematik die physikalische Welt beschreibt oder ob sie die physikalische Welt ist. Verrückt wird es, wenn Sie die Sache herumdrehen und sagen: Jede mathematische Struktur ist genauso real wie die, mit der wir unser Universum beschreiben.

Tegmark: Die Mathematiker streiten sich seit Generationen darüber, ob sie die Mathematik erfinden oder entdecken. Die meisten meiner Mathematikerfreunde glauben, dass sie sich die Sachen nicht einfach ausdenken. Plato hat entdeckt, dass es fünf sogenannte platonische Körper gibt, vom Tetraeder über den Würfel bis zum Ikosaeder. Er gab ihnen Namen, aber er hätte keinen sechsten platonischen Körper erfinden können. Den gibt es nicht. Ich stelle mir immer diesen großen Atlas vor, der alle mathematischen Strukturen enthält. Man kann ihn durchblättern, und nach einer Weile kommt man zu der Seite, die unseren Kosmos beschreibt, unser Zuhause. Und dann muss man sich fragen: Was ist mit allen anderen Seiten? Stephen Hawking hat einmal gefragt: "Was ist es, das den Gleichungen Feuer einhaucht?" Ich glaube, man braucht gar keinen Feuerhauch.

ZEIT ONLINE: Die Mathematiker müssten sich sicher von Ihrem Buch sehr geschmeichelt fühlen, weil es sie in den Mittelpunkt rückt, aber von denen haben Sie die meiste Kritik bekommen.

Tegmark: Einer von zwei Kritikern war Edward Frenkel, der behauptete, Gödels Unvollständigkeitssatz würde meine ganze Theorie widerlegen. Aber Gödels Satz sagt doch nur, dass es mathematische Strukturen gibt, deren Konsistenz man nicht beweisen kann. Na und? Wenn wir gewisse Eigenschaften des Universums nicht beweisen können, dann ist das unser Problem, nicht das des Universums.