Der Mathematiker John Nash 2011 in Honkong. Dort erhielt er die Ehrendoktorwürde der City University of Hongkong. © Bobby Yip/Reuters

John Nash war ein genialer junger Mann, kam aus der Provinz "mit dem Aussehen eines Filmstars und dem Auftreten eines Olympioniken". Er war extrem ehrgeizig, exzentrisch, mit einer skurrilen und manchmal bösartigen Art von Humor. Ein herausragender Mathematiker, sicher einer der besten seiner Generation. Der Anerkennung suchte, und offenbar fast zeitlebens nicht genug davon fand, der davon gekränkt und traumatisiert war. Dessen Geist den Bezug zur Welt dort draußen und zur Wirklichkeit verlor. Und ihn schließlich wiederfand. Ein ungewöhnliches Leben.

Das ist das Bild von John Forbes Nash Jr., geboren am 13. Juni 1928 in einer Provinzstadt in West Virginia, das die Journalistin Sylvia Nasar 1998 von ihm zeichnete, in ihrer von Nash selbst nicht autorisierten Biografie. Nasar nannte ihr Buch A Beautiful Mind: "A clear, logical, beautiful mind", das hatte Nashs Kommilitone Lloyd Shapley (Wirtschaftsnobelpreis 2012) ihm attestiert. Die Biografie zeigte den Mathematiker aber auch aus der Perspektive seiner Ehefrau Alicia. Die beiden hatten 1957 geheiratet, sechs Jahre später wurde die Ehe geschieden, 2001 ließen sie sich erneut trauen. 

Schnell nach Erscheinen des Buchs wurde Hollywood aufmerksam. Starregisseur Ron Howard verfilmte Nashs Leben mit dem Schauspieler Russell Crowe in der Hauptrolle. "Ich hoffe, dass er auch etwas anderes spielen kann als einen Gladiator, das bin ich nämlich nicht", wurde John Nash damals zitiert. Ein Verweis auf den gleichnamigen Film, mit Crowe in der Titelrolle.

A Beautiful Mind wurde als Spielfilm zum Welterfolg, prämiert mit fünf Oscars. Seither kennt jeder John Nash. Oder eben den John Nash, den Russell Crowe darstellte. Für den Film hatte man das Leben des Mathematikers den Erfordernissen eines Hollywood-Drehbuchs angepasst.

Mathematikern hingegen ist John Nash seit Jahrzehnten als brillanter Denker bekannt. Zum Beispiel durch seine Arbeit aus den Annals of Mathematics von 1956, in der er seinen "Einbettungssatz" formuliert hat. Der besagt, dass sich jede glatte Fläche ohne Verzerrungen in einem hochdimensionalen Standardraum darstellen lässt – aus der eher abstrakten Fläche wird durch eine, die man in der üblichen Geometrie vorfinden und analysieren kann – ein überraschendes, wichtiges und schwieriges Ergebnis, das Analysis, Geometrie und Topologie verbindet. Als Nash es vorstellte, wollte es zunächst keiner glauben.

Nash hat aber auch zu ganz anderen Bereichen der Mathematik entscheidende Beiträge geleistet, zu Partiellen Differenzialgleichungen, zur Auflösung von Singularitäten und zur Theorie der nicht-kooperativen Spiele: Da spricht man heute von Nash-Gleichgewichten – das sind Situationen, in denen mehrere Spieler (oder Marktteilnehmer oder Konkurrenten) sich so verhakt haben, dass kein Einzelner durch Veränderung seiner Strategie ein besseres Ergebnis herausholen kann – was aber nicht heißen muss, dass es keine Situation gibt, die für alle besser wäre – wofür aber alle (gleichzeitig?) ihre Strategie ändern müssten.

Wer keine Universitätsvorlesungen in Differenzialgeometrie oder in Spieltheorie gehört hat, wird das mathematische Werk von John Nash kaum kennen. Nichtkooperative Spiele kennen die meisten aber zur Genüge: Moskau und Kiew spielen eines, der Chef der Lokführer-Gewerkschaft Claus Weselsky und der Bahn-Vorstand stecken auch in einem drin. Wer zurückweicht, eigenmächtig die Strategie ändert, verliert.

Was wir über den Menschen John Nash wissen, steht in der Biografie der Journalistin Nasar: 1959 diagnostizieren Ärzte bei ihm eine paranoide Schizophrenie. Es folgen Einweisungen in die Psychiatrie, verlorene Jahrzehnte, fragwürdige Therapien, Behandlungen unter anderem mit Insulin-Überdosen, die gezielt ins Koma führen – Therapien, die einen wie Nash vom Suizid abhalten können, aber über die Jahre auch "a beautiful mind" zerstören. Nach mehr als zwanzig Jahren Psychiatrie kommt Nash zurück, angeblich mithilfe neuer Medikamente, wird als geheilt entlassen, ist aber gezeichnet.