Alles nur ein Riesenmissverständnis! Nobelpreisträger Timothy Hunts chauvinistische Äußerungen auf der Veranstaltung eines koreanischen Wissenschaftlerinnenverbands waren bloß ein Scherz; das soll nun ein Gedächtnisprotokoll belegen, das in den vergangenen Tagen ZEIT ONLINE und anderen Medien zugespielt wurde. Der Zusammenhang mache es deutlich:

"Es ist seltsam, dass ein chauvinistisches Monster wie ich gefragt wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen. Lassen Sie mich von meinen Problemen mit Frauen erzählen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Männer und Frauen einrichten? Spaß beiseite, ich bin beeindruckt von der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten dabei zweifellos eine wichtige Rolle. Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten Wissenschaft betreiben trotz all der Hindernisse und trotz solcher Monster wie mir."

Also dann – genug gelacht, die Tränen weggewischt und das Taschentuch ausgewrungen. Wie konnten ich und all die anwesenden Damen den Herrn nur so verkennen? Wer außer einer verklemmten Laborkittelträgerin könnte da noch denken, der Biochemiker hätte hinterwäldlerische Vorurteile gegenüber Frauen? Im Scherz wird man so was ja wohl noch sagen dürfen, oder sieht das sonstige humorlose Weibsvolk das etwa anders?

Doch Spaß beiseite: Zum einen darf die Richtigkeit dieses Protokolls bezweifelt werden. Die britische Dozentin für Wissenschaftsjournalismus Connie St Louis war anwesend, als Hunt seinen Toast ausbrachte und machte seine Äußerungen auf Twitter bekannt. Bereits bevor das vermeintlich entlastende Protokoll auftauchte, hatte dieser anschließend beteuert, er habe lediglich scherzen wollen und das mit dem Zusatz "Spaß beiseite" deutlich gemacht. Daraufhin schrieb Connie St Louis im Guardian: "Er hat das nicht gesagt und er hat auch nicht die Rolle der Frau in der Wissenschaft und der koreanischen Gesellschaft gelobt. Ich wünschte, er hätte es getan."

Zum anderen – und das ist der wichtigere Aspekt – ist es für den Kern der Sache völlig unerheblich, ob Hunts Äußerungen witzig sein sollten oder nicht, denn sie bleiben Ausdruck von Sexismus. St Louis zitiert in ihrem Artikel die Soziologin Audre Lorde, die Sexismus als "den Glauben an die inhärente Überlegenheit eines der Geschlechter und einem damit verbundenen Anspruch auf Dominanz" definiert. Auch wenn Hunt nicht direkt sagt, dass Männer Frauen in der Wissenschaft überlegen seien, so hat er dennoch das Wirken seiner Kolleginnen im Forschungslabor auf ihre vermeintliche Emotionalität und ihre romantische Anziehungskraft auf Männer reduziert.

Das ist nicht nur unlustig und fernab aller sachlichen Argumente, sondern vor allem eines: unprofessionell. Entsprechend reagierten auch die Wissenschaftlerinnen der Korea Federation of Womens’s Science & Technology Associations, bei deren Veranstaltung Hunt in die verbale Kloschüssel griff: Statt zu lachen, äußerten sie sich in einer Stellungnahme "zutiefst schockiert und betrübt" über die Bemerkungen.