Der sibirische Tiger "Shakyra" liegt neben einem ihrer fünf zwei Tage alten Jungen im Zoo von Hamm. © Ina Fassbender/Reuters

3.200 Tiger streifen noch über die Erde. Vor 100 Jahren waren es noch 100.000 Tiere, doch der Mensch zerstört den Lebensraum der majestätischen Katzen und macht Jagd auf sie. Tierschützer versuchen die letzten Tiger mit Schutzgebieten und Zuchtprogrammen zu retten. Die Erkenntnis einer internationalen Forschergruppe könnte dabei nun helfen: Sie fanden heraus, dass die meisten Unterarten des Tigers sich viel ähnlicher sind als bisher angenommen. Das könnte weitreichende Folgen für den Artenschutz haben.

Die Wissenschaftler haben den Aufbau von mehr als 200 Schädeln sowie die Farben und Muster von mehr als 100 Fellen mit Erbgutmerkmalen und Umweltfaktoren der neun Unterarten abgeglichen, in die Tiger unterteilt werden. Im Fachjournal Science Advances beschreiben sie (Wilting et.al., 2015), dass die Einteilung zu kleinteilig ist. "Wirklich klar unterscheidbar sind nur der Sunda-Tiger von den Inseln Sumatra, Java und Bali und der Festland-Tiger", sagt Andreas Wilting vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). "Die bisherige Einteilung der Tiger ist nicht mehr haltbar." 

Sie empfehlen, die Tiere nur noch in zwei statt neun Unterarten einzuteilen. Die Untersuchung stützt zudem die Theorie, dass es nach einem gewaltigen Ausbruch des Toba-Vulkans auf der Insel Sumatra vor etwa 73.000 Jahren zu einem Massensterben von Tigern kam. "Vermutlich haben nur Tiere in einem einzigen Refugium in Südchina überlebt und sich von dort ausgebreitet. Diese Tiere könnten die Vorfahren aller modernen Tiger gewesen sein", sagte Wilting.

Wilderei, Rodung und traditionelle asiatische Medizin Hauptgefahren für Tiger

Wilderei und illegale Abholzung führen dazu, dass die Zahl der Tiere weltweit schrumpft. Tigerprodukte sind vor allem in der traditionellen asiatischen Medizin gefragt. Von den neun bisher angenommenen Unterarten gelten drei bereits als ausgestorben. Aufgrund der kleinen und weiter schrumpfenden Bestände werde es immer wichtiger, die Tiere aktiv zu schützen, sagte Wilting. Eine Einteilung in zu viele, wissenschaftlich nicht begründbare Unterarten macht das nur unnötig kompliziert.

So ist es zum Beispiel schwierig, Populationen in Südchina und Indochina zu erhalten, da dort zu wenige Tiger übrig sind. Die bislang eigenständigen Unterarten könnten nun mit malaysischen und indischen Tigern zusammengelegt und als "südliche Festlandtiger" erhalten werden, schlägt Wilting vor. Nördliche Festlandtiger (Amur-Tiger) sollten jedoch nicht dazu zählen, da sie unter ganz anderen Bedingungen leben.

"Eine Schlussfolgerung aus der Studie ist, dass die Bedrohung für einzelne Tigerunterarten sinkt, wenn mehr Tiger zu dieser Unterart gehören", sagte Volker Homes, Leiter für den Bereich Artenschutz beim WWF. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass Staaten die Verantwortung etwa an Nachbarn abschieben, wenn dort genetisch ähnliche Tiger leben.

Steigende Tiger-Populationen in Nepal, Indien und Russland

In einigen Ländern ist der Tigerschutz heute sehr gut ausgebaut, wie in Nepal, Indien und Russland. "Dort wächst die Anzahl der Tiger", sagte Homes. Indonesien und Malaysia zählten ihre Großkatzen dagegen nicht einmal. Eine bequeme Haltung, sagt Homes. "Wenn man nicht weiß, wie viele Tiger man hat, weiß man auch nicht, wie schnell die Bestände abnehmen". In Kambodscha, Laos und Vietnam sollen die Tiere weitgehend ausgestorben sein.

Anfang des Jahres hatte die indische Regierung gemeldet, dass die Zahl der Tiger im Land in den vergangenen Jahren um fast ein Drittel gestiegen ist. Für den jüngsten Tigerbericht wurden mehr als 2.200 der Raubkatzen gezählt. Vier Jahre zuvor waren es nur 1.700 Tiger. In Indien lebt ein großer Teil der weltweiten Tigerpopulation. Vielleicht ist die Entwicklung auch einem Abkommen im Jahr 2010 zu verdanken: Da hatten sich Tiger-Länder auf einem Treffen in St. Petersburg verpflichtet, bis 2022 die Zahl dieser Raubkatzen von etwa 3.200 auf insgesamt mehr als 6.000 zu steigern.