Viagra, die Potenzpille für den Mann, ist blau. Flibanserin, die Sexpille für die Frau, ist pink. Aber in dieser Farbsymbolik erschöpfen sich schon fast die Gemeinsamkeiten der beiden Substanzen, abgesehen davon, dass beide durch Zufall entdeckt wurden. Sildenafil, der Viagra-Wirkstoff, unterstützt die Erektion des Penis – vorausgesetzt, der Mann empfindet Lust. Dagegen soll Flibanserin eben diese Lust bei der Frau erst erzeugen, indem es in den Stoffwechsel des Gehirns eingreift. Und während Viagra 1998 in den USA rasch zugelassen wurde, benötigte Flibanserin drei Anläufe, um Anfang des Monats zumindest die Gutachter der US-Zulassungsbehörde FDA zu einem halbherzig positiven Votum zu bewegen. Dennoch: Jetzt sind die Aussichten gut, dass das "Viagra für die Frau" auch tatsächlich auf den Markt kommt.

Abfallprodukt der Herzmedizin

Viagra ist ein "Abfallprodukt" der Herzmedizin, Flibanserin wurde zunächst als Mittel gegen Depressionen erprobt. Dabei versagte es zwar, doch stellte sich heraus, dass die Substanz die sexuelle Lust der Versuchspersonen stimulierte. Das geschieht über Botenstoffe im Bereich der Hirnrinde. Flibanserin verschiebt das Gleichgewicht zwischen dem die Sexualität eher hemmenden Botenstoff Serotonin und den fördernden Botenstoffen Dopamin und Noradrenalin zugunsten der Letzteren.

Boehringer Ingelheim, der deutsche Entwickler von Flibanserin, erprobte das Mittel bei Frauen, die unter sexuellem Desinteresse litten. Allerdings konnte die Firma die Zulassungsbehörde FDA 2010 nicht von der Wirksamkeit bei gestörter Libido überzeugen. Die FDA-Gutachter sprachen sich einhellig gegen die Substanz aus. Das Pharmaunternehmen verkaufte daraufhin die Rechte an dem Wirkstoff an Sprout Pharmaceuticals in Raleigh, North Carolina. Sprout war eigens zu dem Zweck gegründet worden, Flibanserin zu vermarkten.

Erfolg erst im dritten Anlauf

Auch Sprout scheiterte 2013 zunächst an der FDA, legte aber Berufung ein und konnte nun die Gutachter mit 18 Pro-Stimmen (bei sechs Gegenstimmen) hinter sich bringen. Nach den von Sprout vorgelegten drei Untersuchungen hatten Frauen, die 100 Milligramm Flibanserin täglich vor dem Schlafengehen einnahmen, pro Monat durchschnittlich 0,5 bis ein zusätzliches sexuell erfüllendes Erlebnis, bei einem Ausgangswert von zwei bis drei "Ereignissen" pro Monat. In einem Index, der weibliche Sexualfunktion ermittelt, ergab sich eine Verbesserung um 0,3 bis 0,4 auf einer Skala von 1,2 bis 6. Negativer Stress in Zusammenhang mit Sexualität verminderte sich.

"Der Nutzen ist bescheiden, vielleicht sogar weniger als bescheiden", sagte der Gutachter Walid Gellad von der Universität Pittsburgh. "Damit ist dieser Wirkstoff in guter Gesellschaft mit anderen zugelassenen Medikamenten."

Jeder zweiten Frau hilft das Mittel

Obwohl die Vorteile von Flibanserin statistisch bedeutsam (signifikant) sind und mancher Frau mit "verringertem sexuellem Begehren" (hypoactive sexual desire disorder) durch das Mittel helfen kann, muss auch ein erheblicher Placebo-Effekt berücksichtigt werden. 51 Prozent der Frauen, die Flibanserin einnahmen, bemerkten positive Effekte in ihrem sexuellen Erleben. Bei den Frauen, die ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo) bekamen, lag diese Rate immerhin bei 38 Prozent. So gesehen profitieren nur 13 Prozent der Frauen nachweislich von Flibanserin.

Nebenwirkungen: Ohnmachtsanfälle, Benommenheit,...

Nach Ansicht der meisten Gutachter übersteigt der Nutzen kaum die Nebenwirkungen. Zu ihnen zählen niedriger Blutdruck, Ohnmachtsanfälle, Benommenheit und Schläfrigkeit. Alkoholkonsum oder die Einnahme von Medikamenten können diese Effekte verstärken.

"Even The Score" (etwa: "Den Rückstand ausgleichen") nennt sich eine Organisation, die in den sozialen Medien Stimmung für die Zulassung macht. Männer hätten 26 Medikamente, um sexuelle Störungen zu behandeln, Frauen kein einziges – eine schwere Benachteiligung. Die Vereinigung, die etliche Frauenverbände und feministische Gruppen zu ihren Unterstützerinnen zählt, wirft der FDA eine unterschwellig sexistische Einstellung vor. Die Behörde müsse das Leiden der Frauen endlich ernst nehmen.

Marketing als Feminismus getarnt?

Dagegen weisen Kritikerinnen von "Even The Score" darauf hin, dass die Gruppe vom Hersteller Sprout gesponsert wird. "Even The Score ist eine Marketing-Taktik, die sich als eine Art feministische Patientengruppe maskiert", sagt Leonore Tiefer, Psychiaterin an der Universität von New York. Tiefer bezweifelt nicht, dass manche Paare unter ihrer sexuellen Unlust leiden. Allerdings sei eher Stress im Alltag die Ursache, nicht ein chemischer Mangelzustand der Frau.

Die "weibliche sexuelle Fehlfunktion" sei keine wissenschaftlich gültige Diagnose, sondern diene als Legitimation für Pharmafirmen, Medikamente an gesunde Frauen zu verschreiben, schreibt die Feministin Cindy Pearson vom National Women’s Health Network in einem Beitrag für die "Washington Post". Auf Kritik stößt vor allem, dass bis zu 43 Prozent der Frauen unter solchen Problemen leiden sollen. "Das wären 68 Millionen potenzielle Kunden für ,weibliches Viagra’, allein in den USA", rechnet Pearson vor.