Nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal hat Philae, das waschmaschinengroße Landegerät der europäischen Rosetta-Sonde, auf der Oberfläche des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko aufgesetzt. Zwischendurch war auch noch eine Kliffkante im Weg, die Philae ins Trudeln brachte. Die abenteuerliche Kometenlandung hatte die Weltöffentlichkeit im November vergangenen Jahres in Bann gehalten.

Jetzt, gut acht Monate später, haben die Teams rund um die zehn wissenschaftlichen Instrumente des Landegeräts die damals gesammelten Daten gesichtet und vorläufig interpretiert. Das Ergebnis erscheint in einer Schwerpunktausgabe des Wissenschaftsmagazins Science. Ganz große Überraschungen sind nicht dabei, wohl aber erste Erkenntnisse – und viele neue Fragen.

Eine der Studien rekonstruiert im Detail, was damals bei der Landung geschah (Biele et al., 2015): Gut 20 Zentimeter tief waren Philaes Füße beim geplanten Aufsetzen in lockeren Kometenstaub eingesunken. Der Aufprall wurde von elektrischen Dämpfern in den Beinen zusätzlich abgefedert. Doch weder die Harpunen noch die Schrauben, die das Labor auf dem Boden verankern sollten, funktionierten. Und direkt unter der weichen Staubschicht war der Komet härter als erwartet. Wie ein Pingpongball prallte Philae daran ab und segelte gemächlich rund 140 Meter hoch zurück ins All. Fast zwei Stunden dauerten die ungeplanten Hüpfer über den Kopf des entenförmigen Kometen. Dann, um 17.31 Uhr, kam Philae endgültig zum Halt – an einem harten und recht schattigen Abhang, an dem bis heute offenbar nur eines seiner drei Beine Bodenkontakt hat.

1, 2, 3 – gelandet. Bis Rosettas Landeroboter Philea auf dem Kometen absetzte, vergingen zwei Stunden. © ESA/ROSETTA/NAVCAM/SONC/DLR

Für die Wissenschaft war die holprige Landung womöglich ertragreicher als das geplante sanfte Aufsetzen. Sind Kometen hart oder weich? Lange war diese Frage unter Experten umstritten. Jetzt haben die Drucksensoren an Philaes Füßen eine differenzierte Antwort geliefert: Es kommt darauf an, wo man misst. Am endgültigen Landeplatz traf das Minilabor auf einen mehr als 2.000fach stärkeren Widerstand als bei der ersten Bodenberührung.

Die Messung erwies sich als "besonders saftig"

Auch für die Untersuchung des äußerst porösen Materialgemischs, aus dem der Komet besteht, waren die unvorhergesehenen Hüpfer von Vorteil (Goesmann et al., 2015). Die bei der ersten Bodenberührung automatisch ausgelöste Messung erwies sich als "besonders saftig", so Fred Goesmann, Leiter der Wissenschaftlergruppe um den COSAC genannten Gasanalysator. Denn der wurde ausgerechnet mit der Staubwolke gefüttert, die Philae selbst aufgewirbelt hatte. "Das hätte man so gar nicht planen können", sagt Goesmann.

Gefunden wurde eine Mischung aus Eis, fein- bis grobkörnigem Staub und einigen organischen Molekülen, darunter auch vier, die zuvor noch nicht auf Kometen entdeckt worden waren. "Insgesamt passt das Familienbild der Moleküle gut zu unseren bisherigen Vorstellungen", sagt Goesmann. Aber wie diese Teilchen zusammenhalten und warum sie dabei auf der Kometenoberfläche eine derart große Vielfalt an Formen unterschiedlicher Härte ausbilden, das ist weiter unklar.

Gerne betont die Reklameabteilung der europäischen Weltraumagentur, es gehe bei der Mission auch um die "Suche nach dem Ursprung des Lebens", das womöglich durch einen Kometeneinschlag auf die Erde gekommen sein könnte. Dafür lieferte Tschuri jedoch kein Indiz. Immerhin: Wäre sein Oberflächenmaterial auf die Erde gelangt, hätte es gute Voraussetzung für die Entstehung von Leben geboten.  Es sei wie "eine Tüte gute Blumenerde", meint Goesmann, die entscheidende Saat fehlt allerdings. Auch das auf Tschurjumow-Gerassimenko gefundene gefrorene Wasser ist von anderer Zusammensetzung als auf der Erde.

Der nötige Gedankenblitz kommt manchmal von außen

Alle sieben jetzt bei Science veröffentlichten Studien gründen ausschließlich auf der Auswertung der Messergebnisse, die Philaes Instrumente in den ersten drei Tagen nach dem Abkoppeln über die Muttersonde Rosetta zur Erde funken konnten. Übergreifende Interpretationen gibt es noch nicht, denn die Instrumententeams haben für mindestens sechs Monate die exklusive Verfügung über ihre Daten. Und Science besteht auf der strikten Einhaltung einer Sperrfrist für alle dort publizierten Bilder, Messungen und Erkenntnisse. Bisher konnten die Ergebnisse also noch nicht öffentlich diskutiert werden. "Für die Kometenforschung ist diese Politik hinderlich", kritisiert Hermann Böhnhardt, wissenschaftlicher Leiter von Philae, "denn der nötige Gedankenblitz kommt manchmal von außen", von Forschern also, die mit unvoreingenommenem Blick die Ergebnisse aller Instrumente im Zusammenhang sehen.

Neue Daten wird Philae wahrscheinlich nicht mehr liefern können. Zwar hat sich das Landegerät seit dem 13. Juni mehrmals aus dem Tiefschlaf zurück gemeldet, in den es nach dem Aufbrauchen seiner ersten Batterieladung gesunken war. Doch seit dem 9. Juli herrscht wieder Funkstille.

Mindestens einer von zwei Sendern ist defekt

Philaes Solarzellen sammeln genug Energie, um die Batterie zu laden und auch die wissenschaftlichen Instrumente scheinen noch funktionsfähig zu sein. Doch die Antenne ist durch die verquere Landung offenbar in einen sehr ungünstigen Winkel zur Muttersonde geraten, und mindestens je einer von zwei Sendern und Empfängern ist defekt.

Auch wenn die Temperatur des kleinen Labors derzeit bei komfortablen null Grad liegt, so war es zwischenzeitlich doch auf unter minus 100 Grad abgekühlt. Darauf ist seine Elektronik nicht ausgelegt, gut möglich, dass Bauteile zerstört oder Lötverbindungen gebrochen sind.

Auch ohne eine Wiederherstellung des Kontakts mit dem Landegerät kann die Rosetta-Muttersonde den Kometen noch über viele Monate weiter beobachten. Die spannendste Zeit steht sogar noch bevor: Am 13. August passiert Tschurjumow-Gerassimenko den sonnennächsten Punkt seines Orbits. Danach wird er Millionen Tonnen Staub in seinen Schweif abgeben und dabei deutlich schrumpfen – bevor er Ende nächsten Jahres in die Einsamkeit des dunklen und eiskalten äußeren Sonnensystems zurückkehrt.

Den Verlauf der Rosetta-Mission nach der Landung der Raumsonde Philae zeigt diese Videografik aus dem November 2014.