Es gibt vermutlich nichts, was die Neugier dieses Mannes nicht herausgefordert hätte. Selbst seine eigene Krankheit, sein Sterben beobachtete er auf eine Art und Weise, die nur wenigen Menschen gegeben ist. Als Oliver Sacks im Januar erfuhr, dass der Tumor, an dem er litt, Metastasen in seiner Leber gebildet hatte und eben diese Krebszellen das Organ zerfraßen, sagte er zu sich: "Das kann ich auch!" Er ging in ein Restaurant und bestellte Leber. Als sie serviert wurde, kommentierte er: "Die sieht vermutlich besser aus als meine." Das erzählte er den Journalisten der New Yorker Sendung Radiolab vor ein paar Monaten mit einem Lachen in der Stimme. Er schien sich sehr zu amüsieren über sich selbst.

Dann erzählte er von einem Notizbuch, das er mitgebracht hatte. Es dokumentierte seinen Krankheitsverlauf auf besondere Art. Ärzte hatten im Frühjahr 2015 unzählige Kügelchen in seine rechte Leberarterie injiziert, um die Metastasen auszuhungern. Die absterbenden Krebszellen gaben jedoch Chemikalien ab, die für kurze Zeit Sacks' Hirn vernebelten. Als der Neurologe den Effekt bemerkte, begann er zu schreiben. Die erste Seite im Notizbuch sah noch recht normal aus. Auf der zweiten wurden die Buchstaben wackelig, auf der dritten strich er viel durch. Dann wurde der Inhalt wirr, schließlich gingen die Wörter in Kritzeleien über. "Da war ich im Delirium", sagte er trocken. "Verrückt, innerhalb von zehn Minuten. Wären diese Seiten nicht eine wundervolle Illustration zu dem Thema?"

Für Oliver Sacks war alles Wissenschaft, alles liebevolle Beobachtung der menschlichen Existenz. Mit den Aufsätzen, die er in den vergangenen Monaten in der New York Times veröffentlichte und seiner Autobiografie fügte er seinem Werk eine letzte Fallgeschichte hinzu: die eigene. Sie ist nun zu Ende. Oliver Sacks starb am Sonntag in New York. Er wurde 82 Jahre alt.

Mediziner in Motorradkluft

Der Neurologe und Schriftsteller führte ein Leben voller Gegensätze. Einsam und gesellig, gelehrt und körperbetont, analytisch und poetisch, zurückhaltend und übersprudelnd. Während ihm sonst nichts Menschliches fremd war, erzählte er erst in seiner Autobiografie On the Move von seiner Homosexualität. Zu tief war wohl die Verletzung, die seine jüdisch-orthodoxen Eltern ihm zufügten, als er ihnen sagte, er möge lieber Jungs. "Du bist ein Gräuel", warf ihm die Mutter an den Kopf. Der Satz begleitete ihn lange. Er verliebte sich nur vier Mal, und immer mit einem Gefühl der Scham.

Oliver Sacks wurde am 9. Juli 1933 in London geboren, als jüngster Sohn von zwei Ärzten. Die naturwissenschaftlich geprägte Familie förderte seine Neugier, die Eltern beantworteten geduldig eintausendundeine Frage. Umso verlassener fühlten sich die Brüder, als sie während des Zweiten Weltkriegs zum Schutz in ein Internat gebracht wurden. Die frühe Trennung sei furchtbar gewesen, schrieb Sacks. Vermutlich habe er deshalb Probleme mit den drei Bs: bonding, belonging and believing (Beziehungen knüpfen, sich zugehörig fühlen und darauf vertrauen).

Sacks wurde Arzt, sein Weg war gewissermaßen von seinen Eltern vorgezeichnet. Er studierte an der Universität Oxford Medizin, arbeitete in Kliniken in Middlesex und Birmingham. Mit 27 Jahren brach er aus, reiste durch Amerika und fand eine Anstellung als Forschungsassistent in San Francisco. Jeden Abend tauschte er seinen weißen Kittel gegen eine Motorradkluft, raste mit seiner Maschine die Küste entlang und schloss durch Zufall Freundschaft mit den Hell’s Angels.

Als er nach Los Angeles umzog, zählte er sich wiederum zu zwei sehr unterschiedlichen Gruppen dazu: den Neurologen an der Universität von Kalifornien und den Gewichthebern vom Muscle Beach. Gleichzeitig beschlich Sacks das Gefühl, nichts Bedeutsames zu leisten. "Die Sehnsucht nach Sinn trieb mich in eine beinahe selbstmörderische Sucht nach Amphetaminen", schrieb er in der New York Times. Er setzte die Drogen erst ab, nachdem er eines Morgens leidenschaftlich mit zwei Freunden beim Frühstück diskutiert hatte – und dann bemerkte, dass sie gar nicht existierten.