Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über sein Feld. © Julian Stratenschulte/dpa

Ist Glyphosat nun krebserregend oder nicht? Darüber streiten Experten weiter. Im Kern geht es darum, wie Studien zu dem weltweit meistgenutzten Unkrautvernichtungsmittel auszulegen sind und welche man überhaupt berücksichtigen sollte. In Europa darf das Herbizid trotz dieser Ungewissheit für ein weiteres halbes Jahr eingesetzt werden. Das hat der zuständige EU-Ausschuss, das SCPAFF, am Dienstag wie erwartet entschieden, wie ein Sprecher der Grünen ZEIT ONLINE mitteilte. Ein Sprecher der deutschen Vertretung in Brüssel hat dies bestätigt.

Bis Mitte 2016 dürfen also auch deutsche Landwirte das umstrittene Pflanzenschutzmittel weiterhin auf ihren Feldern ausbringen. Die Chemikalie aus der Gruppe der Phosphonate tötet Unkraut auf Raps-, Mais- und anderen Nutzpflanzen-Äckern. Auch im Gartenbau wird es gegen unerwünschte Wildpflanzen eingesetzt.

Bis zum Ablauf der jetzt gesetzten Sechsmonatsfrist sollen Forscher erneut mögliche Krebsrisiken untersuchen und die vorliegenden Studien zu Glyphosat auswerten. Anschließend würde ein weiteres Mal über eine mögliche Zulassungsverlängerung in der EU beraten.

Das Herbizid ist seit Jahren in der Diskussion. Da die Zulassung für Europa im Jahr 2015 regulär ausgelaufen wäre, mussten Risiken und Nutzen des Mittels erneut eingeschätzt werden – so schreibt es EU-Recht vor. Mit der Prüfung beauftragt wurde das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland. Dieses kam nach einer ersten Studienauswertung im April 2015 zu dem Schluss, Glyphosat sei bei korrekter Anwendung nicht gesundheitsschädlich.

Zuvor hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC das Mittel – unabhängig vom EU-Prüfverfahren und auf anderer Datengrundlage – als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" eingestuft. Nachdem die Studien, auf die sich die IARC gestützt hatte, bekannt waren, prüfte das BfR die Risiken von Glyphosat auf dieser Basis erneut – und blieb bei seiner Einschätzung: keine nachweisbare Gesundheitsgefahr.

Wurden alle Studien berücksichtigt?

Nun erheben Grünen-Politiker schwere Vorwürfe gegen das BfR. Das Bundesinstitut habe bei der Risikoeinschätzung für die bevorstehende EU-Neuzulassung "offenbar systematisch" eine Vielzahl von Studien nicht berücksichtigt oder als nicht relevant abgetan. Darunter solche, die dem Pestizid eine krebsfördernde Wirkung bescheinigten.

Die Vorgänge am BfR seien "untragbar", sagte Bärbel Höhn, Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestags. Die Bundesregierung müsse die Zulassungsverlängerung stoppen. "Das Allround-Pflanzengift auf Basis dieser unvollständigen, fehlerhaften BfR-Bewertung neu zuzulassen, wäre grob fahrlässig", sagt auch Harald Ebner, Berichterstatter der Grünen für Pestizide im Agrarausschuss.

Das BfR hingegen verteidigt seine Arbeit. Bestimmte Studien, die nicht nur den reinen Wirkstoff Glyphosat untersucht hatten, seien bewusst nicht stärker in die Bewertung eingeflossen, da nicht auszuschließen sei, dass andere Bestandteile dieser Stoffgemische die krebserregenden Effekte gehabt hätten. Das BfR ist dazu verpflichtet, bei seiner Prüfung auf EU-Ebene ausschließlich reine Wirkstoffe zu untersuchen.

Zudem habe man im zweiten Prüfdurchgang sämtliche Studien geprüft, die die IARC in ihrer Auswertung aufgeführt hatte. Diese hätten zu keiner veränderten Gesamtbewertung geführt. Somit seien "alle verfügbaren Studien wissenschaftlich fundiert und mit höchster Sorgfalt geprüft und bewertet" worden, teilt das BfR mit.

Das Amt war zuletzt außerdem dafür kritisiert worden, sich bei seiner Beurteilung der Giftigkeit unter anderem auf Studien zu stützen, die von der Glyphosate Task Force (GTF) vorausgewählt wurden. Die GTF ist ein Zusammenschluss von Agrarchemiefirmen wie Monsanto Europe, Syngenta und Dow. Sie gaben dem BfR nicht nur Zusammenfassungen wissenschaftlicher Fachpublikationen, sondern auch teils unter Verschluss gehaltene Auftragsstudien. Den Vorwurf, auf diesem Weg von der Industrie beeinflusst worden zu sein, weisen die BfR-Gutachter zurück: Sämtliche zugrundeliegenden Quellen seien unabhängig geprüft und bewertet worden. Darunter seien auch Studien und Kommentare gewesen, die Bürger, Wissenschaftler und NGOs einreichen konnten. Das BfR hat inzwischen öffentlich dargelegt, welche Studien bei der Neubewertung berücksichtigt wurden und diese auf seiner Website aufgelistet.

Hinter dem Streit steckt die Grundsatzfrage, welche Art von Studien aussagekräftig genug sind, um einzuschätzen, ob Menschen ein erhöhtes Krebsrisiko haben, wenn sie Glyphosat in der Umwelt ausgesetzt sind. Dass die Bevölkerung das Pflanzengift aus der Umwelt aufnimmt, ist unstrittig. Frühere Tests – wenn auch nur mit wenigen Versuchspersonen –  legen nahe, dass etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung Spuren des Herbizids im Körper tragen. Im Urin ist der Stoff nachweisbar.

Im Kern widerspricht das BfR der Einschätzung der IARC inzwischen nicht mehr. Da das Bundesamt aber in so einem EU-Prüfverfahren nur den reinen Wirkstoff bewerten darf – und nicht das, was tatsächlich auf den Äckern im Alltag landet – ändern Hinweise auf eine krebserregende Wirkung aus epidemiologischen Untersuchungen nichts an seiner Einschätzung.

Deutschland kann Glyphosat trotzdem verbieten

Die einzelnen EU-Staaten haben dennoch die Möglichkeit, das Pflanzenschutzmittel nach einem nationalen Zulassungsverfahren zu verbieten. Sie können die auf EU-Ebene nicht relevanten epidemiologischen Studien durchaus berücksichtigen und alles mit einbeziehen, was Wissenschaftler über die Wirkung eines tatsächlich eingesetzten Produktes wissen. Das BfR empfiehlt den Staaten sogar ausdrücklich, dies zu tun.

Selbst wenn die EU nach der Gnadenfrist von sechs Monaten erneut beschließen sollte, Glyphosat weiter zuzulassen – was dann für zehn Jahre gültig wäre – müsste Deutschland sich danach also nicht richten. Das heißt auch: Sollte die Neuzulassung nicht wie von den Grünen gewünscht grundsätzlich abgelehnt werden, könnte die Partei hier erneut ansetzen, um mit Druck auf die Regierung ein Verbot des Mittels zu erreichen.