Ein junger Schimpanse 1995 in einem Labor in Rijswijk. © Jasper Juinen/Reuters

Millionen Mäuse, Katzen und andere Tiere sterben jährlich in deutschen Laboren. Ist das wirklich nötig? Seit vergangener Woche ist es Aufgabe des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R), sich dieser Frage zu widmen. Es soll alternative Experimente fördern. Am Freitag wurde es eröffnet, um Tierversuche in Deutschland künftig auf ein Mindestmaß zu reduzieren und, wo nicht verzichtbar, einen bestmöglichen Schutz der Tiere zu gewährleisten. Der Bund hat damit ein klares Zeichen für Veränderung gesetzt – wenn auch nicht als Erster.

Die Initiative hat Vorreiter. Der Toxikologe Marcel Leist ist einer davon. Seit Jahren leitet er den bislang einzigen biowissenschaftlichen Lehrstuhl Deutschlands, der für seine Forschung an Krankheiten und Vergiftungen auf Versuchstiere verzichtet. Um die Funktion von Geweben und die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen, arbeiten die Forscher am Doerenkamp-Zbinden-Lehrstuhl der Uni Konstanz mit Zellkulturen. Käfige mit Kaninchen, Vögeln oder Mäusen, die auf die nächste Spritze oder Operation warten – sie gibt es dort nicht.

Bereits in den neunziger Jahren wurden Alternativmethoden entwickelt, für die Pharmaforschung oder, um neue Operationstechniken zu prüfen. In der Folge halbierte sich in Deutschland die Zahl der Tiere, die für die Forschung starben auf etwa zwei Millionen. Seit dem Jahr 2000 aber stieg sie wieder an. Inzwischen sind es laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) rund drei Millionen pro Jahr.

"Das liegt an der vermehrten Nutzung transgener Mäuse", erklärt Marcel Leist. Die Tiere sind genetisch verändert, sodass sie Krankheiten entwickeln, gegen die wiederum Arzneien gesucht werden. "Allein das Herstellen dieser Mäuse ist ein Tierversuch", sagt Leist. Das Leid der Nager, Nutztiere, Fische, Hunde, Katzen und auch Affen dient in den Augen vieler – nicht nur der Forscher – einem höheren Zweck: dem Wohl des Menschen.


Genau dieser Nutzen ist auch unter Wissenschaftlern heftig umstritten: "Selbst Mäuse und Ratten reagieren nur bei 65 Prozent aller Tests gleich auf dieselbe Substanz", sagt der Konstanzer Toxikologe. Was also kann ein Medikamententest an Mäusen über die Wirkung für Menschen aussagen, wenn nicht einmal nah verwandte Nagetiere ähnlich reagieren?

Ein häufig genanntes Beispiel: Contergan. Das Medikament wurde Anfang der fünfziger Jahre Schwangeren gegen Übelkeit und Schlafprobleme empfohlen. Tausende Kinder wurden daraufhin mit Missbildungen geboren. Nach Tierversuchen war der Wirkstoff zuvor als unbedenklich eingestuft worden. Allerdings war er nicht an trächtigen Tieren getestet worden. Spätere Untersuchungen zeigten unterschiedliche Ergebnisse – trächtige Säugetiere gebaren unter Einfluss des Mittels sowohl gesunden als auch kranken Nachwuchs (DiPaolo, 1963). Der Tierversuch versagte hier in Teilen. Dasselbe trifft auf viele Forschungsbereiche bis heute zu.

Sterben zum Wohl des Menschen

Die Zahl der Versuchstiere in deutschen Laboren ist im letzten Jahrzehnt stark angestiegen. Nur 2013 wurden weniger Tiere verbraucht als im Vorjahr.

Zelltests können Tierexperimente unnötig machen

Leist hält deshalb an seinem Vorhaben fest. "Wir arbeiten nach dem Prinzip der drei R – replace, reduce, refine, also ersetzen, verringern, verfeinern", erklärt er. Auf Dauer soll es gar keine Tierversuche mehr geben. "Wo das nicht oder noch nicht möglich ist, suchen wir nach Methoden, die zumindest die Zahl der benötigten Tiere verringern oder ihren Stress reduzieren – allein das verbessert schon die Forschungsergebnisse", sagt Leist. Das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren trägt dieses Prinzip im Namen: Bf3R – die Drei steht für die Prinzipien. Leist kann sich also auf mehr Kollegen in seinem Forschungsfeld freuen.

Wie die Arbeit dort aussehen kann, hat der Konstanzer mit seinem Team vorgelebt. In den meisten Fällen arbeiten die Wissenschaftler mit menschlichen Zellen. Mögliche Schäden im Mutterleib testen sie unter anderem mithilfe von Stammzellen. "Einen Stoff auf einen Haufen Zellen zu werfen, sagt uns zwar nicht, wie er sich auf den ganzen Körper auswirkt. Aber wenn die Zellen schon daran sterben, passiert das höchstwahrscheinlich auch im Körper", sagt Leist. Der zugehörige Tierversuch hätte sich damit erübrigt.