Vor allem in afrikanischen Ländern ist Malaria eine weitverbreitete Krankheit. Um sich vor einer Infektion zu schützen, reicht ein Impfstoff allein nicht aus. © Tony Karumba/AFP/Getty Images

1.200 Kinder sterben jeden Tag an Malaria, die meisten von ihnen in Afrika. Dennoch ist es für die Verantwortlichen bei der Weltgesundheitsorganisation WHO eine vertrackte Frage, ob sie den ersten Malaria-Impfstoff für kleine Kinder empfehlen sollen. Denn zum einen ist der Schutz durch Mosquirix nicht besonders zuverlässig. Zum anderen müssen die Kinder vier Spritzen bekommen: mit fünf, sechs und neun Monaten sowie noch einmal um den zweiten Geburtstag. "Ohne die vierte Spritze geht die Effektivität wieder auf Null zurück", sagte Jon Abramson, der Vorsitzende der Strategischen Beratungsgruppe von Impfexperten (Sage) in Genf. Trotz dieser Einschränkung sei es "historisch", dass erstmals die höchsten Impfberatergremien der WHO darüber diskutiert haben, wie der Impfstoff eingesetzt werden kann.

Mosquirix (oder RTS,S) gibt es nur, weil Stiftungen, Pharmaindustrie und Universitäten seit Jahrzehnten gemeinsam daran gearbeitet haben. Allein die Bill & Melinda Gates Foundation und die Firma GlaxoSmithKline (GSK) investierten 565 Millionen US-Dollar. Im Juli 2015 war es soweit: Die europäische Zulassungsbehörde Ema bewertete den 250.000 Seiten umfassenden Antrag positiv und gab der WHO grünes Licht.

Noch sind viele Fragen offen, befanden nun Sage und das Beratungskomitee für Malaria-Politik (MPAC), nachdem sie alle verfügbaren Studien zu Mosquirix ausgewertet hatten. Die wichtigste von ihnen ist: Werden Eltern ihre Kinder nach langer Pause noch einmal zum Impfen bringen – obwohl zu diesem Zeitpunkt keine anderen Untersuchungen oder Impfungen anstehen? Daher soll es zunächst drei bis fünf große Pilotprojekte in verschiedenen Regionen Afrikas geben, die bis zu eine Million Kinder einschließen werden. Auch die Nebenwirkungen sollen erneut geprüft werden. Erst wenn die Ergebnisse des Praxistests vorliegen, habe die WHO genug Daten, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.

Impfung ist nur eines von vielen nötigen Mitteln gegen Malaria

Ähnlich sieht es Seth Berkley, der Chef der Impfallianz Gavi. In den klinischen Studien wurden die Familien rundum versorgt: 80 Prozent nutzten mit Insektenspray imprägnierte Bettnetze, alle hatten Zugang zu einem Arzt, sie wussten, dass es sich um eine experimentelle Impfung handelt. Die Malaria-Sterblichkeit war insgesamt viel niedriger als sonst – egal ob die Kinder geimpft waren oder nicht. "Das zeigt, was man mit Geld erreichen kann", sagt Berkley. "Aber wie ist es im richtigen Leben? Was ist in Gegenden, in denen die Bedingungen schlechter sind?"

Außerdem bestehe die Gefahr, dass Eltern zu große Erwartungen an die Impfungen knüpfen und denken, sie schütze ihre Babys ebenso gut wie jene gegen Masern. "Das ist leider nicht so und muss ganz klar kommuniziert werden. Die Malaria-Impfung hat bestenfalls eine Effektivität von 40 Prozent. Sie kann nur ein weiteres Hilfsmittel unter vielen sein, damit künftig nicht mehr so viele kleine Kinder an Malaria sterben", sagt er.

Schutz nur vor jedem zehnten Malaria-Parasiten

Warum der Schutz so löchrig ist, zeigte in der vergangenen Woche eine Studie im New England Journal of Medicine. Der Impfstoff trainiert das Immunsystem des Menschen, ein bestimmtes Oberflächeneiweiß des Malaria-Parasiten Plasmodium falciparum zu erkennen. Wird er bei einem Mückenstich übertragen, soll er sogleich ausgeschaltet werden. Allerdings gibt es mehr als eine Variante dieses Eiweißes; es unterscheidet sich je nach Weltregion. Als die Impfstoffentwicklung begann, hatten die Forscher noch keine technischen Möglichkeiten, um die Spannbreite der Variation zu identifizieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Nun haben sie das Erbgut von Parasiten sequenziert, die 5.000 Kinder in Afrika krank gemacht haben. Dabei erlebten sie eine böse Überraschung: Nur jeder zehnte Parasit verfügte über genau dieses Eiweiß (Neafsey et al., 2015). Die Forscher hoffen daher, dass sie die Effektivität der Impfung erheblich steigern können. Auch wenn es nicht einfach wird.