Am 29. März 1914 trifft Albert Einstein mit dem Zug in Berlin ein. Dass er gerade seinen Wohnort wechselt, sieht man dem 35-Jährigen nicht an. Außer einem Geigenkoffer hat er vor allem eine halbfertige, für die Zeitgenossen unbegreifliche Theorie der Gravitation im Gepäck. Ihre Vollendung und experimentelle Bestätigung wird ihn in der ganzen Welt berühmt machen. Erst in Berlin avanciert Einstein zur Ikone der Wissenschaft.

An diesem verregneten Märzsonntag lauern ihm am Bahnhof noch keine Journalisten auf. Sie können nicht ahnen, dass die Preußische Akademie der Wissenschaften soeben den bedeutendsten Forscher des 20. Jahrhunderts für sich gewonnen hat. Und anders als zuvor in der Schweiz soll Einstein in Deutschland frei forschen können. Er gehe nach Berlin "als Akademie-Mensch ohne irgendeine Verpflichtung, quasi als lebendige Mumie", frohlockte er . "Ich freue mich sehr auf diesen schwierigen Beruf."

In Fachkreisen gilt er längst als "neuer Kopernikus". Der Physiker Max Planck und der Chemiker Fritz Haber haben seine Berufung minutiös vorbereitet. Haber macht ihn nach der Ankunft mit dem Mäzen Leopold Koppel bekannt, der nicht nur Einsteins Akademiestelle mitfinanziert, sondern auch Geld für die Gründung eines Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik bereitstellen möchte: mit Einstein als Direktor. Bis es so weit ist, bietet Haber ihm einen Arbeitsplatz in seinem eigenen Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie an.

Dem Neuberliner ist das ganz recht. Habers Institut in Dahlem liegt fernab vom Trubel der Metropole. Hier möchte Einstein dem Strom der eigenen Gedanken folgen und die newtonsche Theorie der Schwerkraft aus den Angeln heben.

Niemand wird Ihnen glauben.
Max Planck, Physiker (1858-1947)

Planck, der sich von ihm Impulse für eine neue Theorie der Materie erhofft, hat ihm von dem Vorhaben abgeraten. Erstens werde Einstein mit seiner Gravitationstheorie nicht durchkommen. "Und wenn Sie durchkommen, wird Ihnen niemand glauben." Denn bisher hat sich die newtonsche Theorie bei Experimenten und astronomischen Beobachtungen in jeder Hinsicht bewährt.

Thomas de Padova: "Allein gegen die Schwerkraft – Einstein 1914-1918", Carl Hanser Verlag, München 2015; 312 Seiten, 21,90€ © Hanser-Verlag

Einstein befriedigt sie dennoch nicht. In Newtons Physik wirken Kräfte direkt zwischen den Körpern – ohne jede Zeitverzögerung und über beliebige Distanzen hinweg, ob zwischen einem Stein und der Erde oder zwischen zwei Himmelskörpern. Dagegen kann sich Einstein zufolge keine Wirkung schneller entfalten als mit Lichtgeschwindigkeit. Für ihn kommt die Gravitationswirkung indirekt zustande, sprich: Die Erde erzeugt in ihrer Umgebung ein Gravitationsfeld, das auf den Stein wirkt und seine Fallbewegung veranlasst.

Hat das Fallgesetz eine tiefere Bedeutung?

Einstein möchte die Gravitation analog zu Elektrizität und Magnetismus verstanden wissen: als Feld. Im Unterschied zum elektromagnetischen Feld ist die Wirkung der Gravitation universell und stets anziehend. Unter ihrem Einfluss tendieren alle Körper dazu, sich zusammenzuballen. So fällt ein Apfel im Schwerefeld der Erde irgendwann zu Boden.

Warum aber fallen alle Körper gleich schnell, wenn man einmal vom Luftwiderstand absieht? Einstein wunderte sich im höchsten Maße darüber. Hat das Fallgesetz eine tiefere Bedeutung?

Stößt man einen Wagen an, kommt er ins Rollen. Wird der Wagen beladen, setzt er dem Stoß ein größeres Beharrungsvermögen entgegen. Seine Geschwindigkeit hängt von der Masse ab, die Physiker als "träge Masse" bezeichnen, da sie die Bewegung bremst.