ZEIT ONLINE: Eine Wild- und Rinderseuche hat im Frühjahr Tausende Saiga-Antilopen dahingerafft. Wo genau lebt diese Art?

Aline Kühl-Stenzel: Saigas gibt es heute nur noch in Zentralasien und in Russland. Zu Zeiten der letzten Eiszeit wanderten sie noch durch Europa und waren weit über die Nordhalbkugel verteilt. Sogar über die Beringstraße hatten sie es geschafft. In Deutschland finden Archäologen bei Grabungen manchmal Saiga-Knochen. Schon von unseren Vorfahren wurden sie gejagt und gegessen.

ZEIT ONLINE: In diesem Frühjahr hat die Seuche dem Bestand stark zugesetzt. Infizierte Tiere starben innerhalb von Stunden an inneren Blutungen und Organversagen. Ganze Herden wurden in nur zwei Wochen ausgelöscht. Was steckt dahinter?

Kühl-Stenzel: Das Ausmaß ist dramatisch. Durch die Seuche haben wir mehr als 150.000 erwachsene Tiere verloren, und mindestens die gleiche Anzahl frisch geborener Kälber. In den Kadavern fanden Forscher das Bakterium Pasteurella multocida. Zusätzlich hatten sich die meisten verendeten Tiere mit Clostridia-Bakterien infiziert. Das Mysteriöse: Die Keime können nur ein Teil der Erklärung für das Massensterben sein.

ZEIT ONLINE: Warum? 

Kühl-Stenzel: Erstens kommen beide Erreger bei den meisten gesunden Saigas vor; krank machen sie nur bei geschwächtem Immunsystem. Zweitens wurden zeitgleich 13 Herden fast vollständig ausgelöscht – obwohl sie über ein riesiges 250.000 Quadratkilometer großes Areal verstreut lebten. Die Herden können sich gar nicht über so eine gewaltige Distanz hinweg alle untereinander angesteckt haben.

ZEIT ONLINE: Heißt das, die Seuche ist in all diesen Herden unabhängig voneinander plötzlich aufgetreten? Wie kann das sein?

Kühl-Stenzel: Wir haben es auf jeden Fall mit keiner normalen Seuche zu tun. Die Situation ist beängstigend. Welche Ursachen zusammenkamen, ist noch ein Rätsel. Nach dem letzten Stand der Ermittlungen sieht es so aus, als ob der Hauptauslöser für das Sterben klimatischen Ursprungs ist. Kasachstan, wo viele der Herden durchziehen, hat generell ein starkes Kontinentalklima. Dort merkt man die Auswirkungen etwa der Erderwärmung deutlich. Die Winter werden milder, das Frühjahr beginnt früher. Dieses Frühjahr war besonders stürmisch. Solche Veränderungen könnten die Herden geschwächt oder die Bakterien gestärkt haben. Wenn das Klima die Hauptursache ist, könnte die ganze Art potenziell bald aussterben.

ZEIT ONLINE: Aber das belastende Wetter erklärt noch nicht, warum zunächst harmlose Bakterien plötzlich zu Killern werden.

Kühl-Stenzel: Stimmt. Selbst bei anderen gefährlichen Seuchen wie Ebola gibt es immer Resistenzen, das heißt, einige Tiere sind immun und überstehen eine Infektion ohne starke Symptome. Bei den Saigas haben wir dieses Jahr eine Mortalität von fast 100 Prozent beobachtet, das ist biologisch sehr ungewöhnlich. Bisher wissen wir nur: Es müssen andere schwerwiegende Faktoren zu den gefundenen Bakterien dazugekommen sein.