ZEIT ONLINE: Seit den Terroranschlägen in Paris und dem abgesagten Länderspiel in Hannover sieht man an Bahnhöfen und vor großen Gebäuden in Deutschland wieder Polizisten mit Maschinenpistolen. Macht das nicht mehr Angst, als es Sicherheit ausstrahlt?

Borwin Bandelow: Das kann man nicht pauschal sagen. Die Reaktionen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Im Gehirn haben wir zwei verschiedene Systeme, die Angst verarbeiten. Ein intelligentes und ein primitives. Das eine sagt uns: Okay, die Leute hier beschützen uns. Das andere sagt: Wo bewaffnete Polizisten sind, muss es ziemlich gefährlich sein.

ZEIT ONLINE: Ist es also eine Frage der Intelligenz, wie sehr sich jemand fürchtet?

Bandelow: Nein, eher eine Typfrage: Menschen, die überwiegend strukturiert und rational denken, werden schwer bewaffnete Polizisten eher als ein Zeichen für mehr Sicherheit werten. Andere, die emotionaler gestrickt sind, werden sich eher unsicherer fühlen. Ganz unabhängig davon, was diese Polizisten im Ernstfall ausrichten könnten.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit einem Menschen, während er Angst hat?

Bandelow: Angst ist ein starkes körperliches Gefühl. Rennt beispielsweise jemand mit einem Messer auf uns zu, bekommen wir echte körperliche Symptome – noch bevor wir überhaupt körperlich verletzt werden. Während so einer Angst-Reaktion sind verschiedene Hormone, darunter Serotonin und Cortison, aktiv. Es wird eine Notfallreaktion in Gang gesetzt, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Dafür wird zum Beispiel verstärkt Blut in die Arme oder Beine gepumpt: Zuschlagen oder Weglaufen geht so nämlich besser. Auch, was sich anfühlt wie akute Atemnot, hat ursprünglich einen Sinn: Wir atmen in Panik schneller und intensiver, um mehr Sauerstoff in den Organismus zu bringen.

ZEIT ONLINE: Funktioniert das bei jedem Menschen gleich?

Bandelow: Zumindest ist das Prinzip dazu angeboren. Ein gewisser Satz an potenziellen Gefahren ist im Gehirn abgespeichert. Brandgeruch zum Beispiel: Nur unsere Vorfahren, die eine natürliche Angst vor Feuer hatten, haben überlebt. Viele ähnliche Ängste haben sich in der Evolution als Überlebensvorteil herausgestellt. Interessant ist zum Beispiel, dass es Hinweise darauf gibt, Menschen in nördlichen Breiten seien ängstlicher als im Süden. Die These: Das kalte Klima zwang die nordischen Vorfahren dazu, mehr Nahrung für den Winter zu horten. Diese berechtigte Sorge vor Hunger im Winter hat sie im Laufe der Evolution ängstlicher gemacht. Zwar gibt es keine harten Studien, die das beweisen. Aber ich finde diese Erklärung plausibel.

ZEIT ONLINE: Im Moment einer konkreten Bedrohung mag so eine angeborene Angst sinnvoll sein. Aber was ist mit der Angst vor Situationen, die noch gar nicht eingetreten sind? Einer subtilen theoretischen Furcht vor einem Terroranschlag zum Beispiel?

Bandelow: Es gibt Situationen, in denen man gar nicht mehr über seine Angst nachdenkt. Bei Autofahrern zum Beispiel läuft das Angstsystem unterschwellig ab. Rennt plötzlich jemand vors Auto, springt der Fuß direkt auf die Bremse. Der Körper reagiert blitzschnell, bevor das Gehirn die Situation realisiert hat. All das läuft unterbewusst ab, ist aber auch durch die Angst vor einem Unfall bedingt. In solchen Situationen schützt uns eine gewisse Angst also.

"Ich würde eher von Sorge als Angst sprechen"

ZEIT ONLINE: Heißt das, seit den Anschlägen von Paris, ist unser Angstsystem unterbewusst auf Terroranschläge eingestellt, wie sonst beim Autofahren auf einen möglichen Unfall?

Bandelow: Ja, wobei ich in solchen Fällen eher von Sorge als Angst sprechen würde. Wer in der Zeitung von einem Terroranschlag liest, bekommt in aller Regel keine Panikattacke. Die heftige körperliche Reaktion bleibt aus. Das gilt für viele reale Sorgen, mit denen wir konfrontiert sind: Etwa die Befürchtung, Geld zu verlieren, arbeitslos zu werden oder eben auch jene, Opfer eines Terroranschlags zu werden. All das verursacht eher ein ungutes Kribbeln in der Magengegend.

ZEIT ONLINE: Gerade seit den Anschlägen in Paris scheint es so, als hätten mehr Deutsche jetzt Sorge vor Terrorismus. Was hat sich geändert? Schließlich hören wir ja ständig von Attentaten, die weltweit passieren – auch in Europa.

Bandelow: Wenn ein Anschlag passiert, ist die Sorge generell umso größer, je näher sich der Tatort räumlich zu uns selbst befindet. Vor ein paar Wochen gab es einen Anschlag in Ankara mit mehr als 120 Toten. Darüber redet heute kaum mehr jemand, und es hat die meisten Menschen hierzulande lange nicht so verunsichert wie jetzt Paris. Der Unterschied ist, dass viele Menschen jetzt denken, die Bedrohung käme näher.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig betonen viele gerade jetzt: Wir haben keine Angst.

Bandelow: Zu Recht. Rein statistisch gesehen ist die Chance, durch einen Terroranschlag zu sterben, tatsächlich sehr sehr gering. Andere seltene Ereignisse sind objektiv betrachtet oft gefährlicher. 140 Menschen kommen in Deutschland pro Jahr durch Blitzschläge ums Leben. Durch Autounfälle verlieren jährlich in Deutschland etwas mehr als 3.000 Menschen ihr Leben. Auch Erkrankungen wie etwa Krebs stellen ein weit höheres Risiko für jeden Einzelnen dar als ein Terroranschlag.

ZEIT ONLINE: Heißt das, die Sorge steht nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung?

Bandelow: Menschen gewöhnen sich an Sorgen, denen sie ständig ausgesetzt sind. Für Menschen in Krisengebieten hat die Explosion einer Bombe in der Nachbarschaft eine ganz andere Wirkung als für uns in Deutschland. Sie haben sich im Laufe der Jahre an die Bedrohung gewöhnt und werden trotzdem auf die Straße gehen. Auch wenn das Risiko nach wie vor das gleiche ist – und deutlich größer als hierzulande. Wenn eine Gefahr aber neu und unbeherrschbar erscheint, so wie jetzt die Anschläge in Paris, schätzen wir sie automatisch als viel zu hoch ein. Ein paar Wochen nach einem solchen Ereignis legt sich diese Art von Angst aber meist wieder.

ZEIT ONLINE: Sie glauben also nicht, dass die aktuellen Anschläge das Sicherheitsgefühl in Deutschland grundlegend erschüttert haben?

Bandelow: Ich denke, die Aufregung wird sich legen. Selbst wenn es demnächst noch einen Anschlag in Europa geben würde, würde das unsere Gesellschaft nicht nachhaltig verändern. Etwa vier Wochen nach so einem Ereignis, lässt normalerweise das Interesse nach, Medien berichten weniger, selbst wenn die reale Gefahr gleich geblieben ist. Ein gutes Beispiel dafür war der Reaktorunfall in Fukushima: Nach vier Wochen haben Medien nur noch wenig darüber berichtet, obwohl die Bedrohung unverändert war. Daran sieht man: Die Menschen gewöhnen sich an die Situation.

ZEIT ONLINE: Wie empfehlen Sie, mit der aktuellen Situation umzugehen?

Bandelow: Es bringt nichts, die Sorge vor sich herzuschieben. Wenn man sich verkriecht und hofft, die Gefahrenlage sei in einer Woche eine andere, hilft das nicht: Denn rational betrachtet ist das nicht so. Es ist besser, trotzdem rauszugehen, sonst macht man sich selbst nur noch mehr Sorgen. Von meinen Angstpatienten weiß ich: Es wird immer schwieriger herauszukommen, je länger man angstmachende Situationen meidet. Den Terroristen zu zeigen, dass man keine Angst hat, hilft auch ein wenig, sie bei sich selbst zu lindern.