"Jetzt hören wir den Schrei nach Politikberatung", sagt Ulrike Krause. Doch die Wissenschaft brauche erst einmal Zeit, um ihre Fragestellungen umfassend zu bearbeiten. Krause etwa forscht derzeit zu sexueller Gewalt in Flüchtlingslagern. Ein durchaus praxisrelevantes Thema, politische Akteure wollen wissen, wie sie zugunsten der Opfer intervenieren können. Krause interviewt betroffene Frauen in Lagern in Uganda, widmet sich aber gleichzeitig theoretischen Fragen etwa nach dem Zusammenhang von Gewalt im Kontext von Flüchtlingsbewegungen mit Gewalt in Kriegen. Doch die Politik erwarte Ad-hoc-Beratung, die sie und ihre Kollegen teilweise nicht leisten könnten, sagt Krause.

Was die Flüchtlingsforschung jetzt brauche, seien "Forschungsgelder und Strukturen". Vorbild könnten die Zentren für islamische Theologie sein, die der Bund seit 2011 mit rund 20 Millionen Euro für fünf Jahre an vier Standorten fördert. An möglichen Forschungsthemen herrscht kein Mangel. "Welche Hilfsstrukturen greifen, welche Rollen spielen Staaten, was bedeuten regionale Spezifika, wenn etwa Australien Bootsflüchtlinge grundsätzlich abweist?", umreißt Krause einige der anstehenden Fragen. Gleichzeitig müsse man die "Fixierung auf Flüchtlinge in Deutschland und aus Syrien" überwinden. "Weltweit sind knapp 20 Millionen Menschen außerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht, 40 Millionen sind Binnenflüchtlinge – und 86 Prozent aller Flüchtlinge befinden sich in den Ländern des globalen Südens."

Auch das BAMF forscht – im Auftrag des Innenministeriums

Forschung zu Flüchtlingen betreibt auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) – mit einem eigenen Forschungszentrum. Zuletzt veröffentlichte es Studien zum "Migrationsprofil Westbalkan: Ursachen, Herausforderungen, Lösungsansätze" oder über "Irreguläre Migration und freiwillige Rückkehr". Doch das Zentrum handelt im Auftrag des Bundesinnenministeriums, betreibt keine Grundlagenforschung. Sein Ansatz ist ein anderer als der von Flüchtlingsforschern wie Krause und Oltmer. Sie wollen nicht nach Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen kategorisieren. "Uns interessieren auch die Überschneidungen: Wenn Menschen sich auf den Weg machen müssen, weil in ihrem Land Bürgerkrieg herrscht, und weiterziehen, weil sie sich andernorts Chancen auf Bildung und Arbeit erhoffen", sagt Oltmer.