Die Babylonische Kultur, die vor rund 4.000 Jahren erstmals im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris erblühte, war in vielfacher Hinsicht außergewöhnlich. Das Rechtssystem war zu jener Zeit ebenso fortschrittlich wie die handwerklichen Fertigkeiten der Menschen, die Metalle und Stoffe kunstvoll herstellten. Insbesondere die Wissenschaftler arbeiteten auf einem Niveau, von dem man im fernen Mitteleuropa damals weit entfernt war. Einige Spuren dieser Epoche sind bis heute erhalten und prägen unsere Kultur. Dazu gehört zum Beispiel die Zeitmessung, die auf der Zahl 60 basiert, Bezeichnungen für Himmelskörper und Sternbilder und nicht zuletzt die Astrologie, die bis heute ihre Anhänger hat.

Fasziniert von Sternen und Planeten

Die Babylonier waren akribische Beobachter des Himmels. Etwa seit 700 v. Chr. machten Astronomen umfassende Aufzeichnungen von den Veränderungen, die sie dort wahrnahmen: Mondphasen, der Gang der Sterne und Planeten, Finsternisse. Sie suchten nach Gesetzmäßigkeiten bei diesen Bewegungen, um sie vorhersagen zu können.

Wie clever sie dabei vorgingen, zeigt eine Arbeit des Berliner Astronomen und Wissenschaftshistorikers Mathieu Ossendrijver von der Humboldt-Universität (Science, Ossendrijver, 2015). Offenbar benutzten die Babylonier bereits vor der Zeitenwende geometrische Verfahren, von denen man bisher glaubte, sie seien erst im 14. Jahrhundert für derartige Berechnungen verwendet worden. So konnten die Gelehrten die Bewegung des Planeten Jupiter vorhersagen. Das ist keineswegs trivial, denn für einen Beobachter auf der Erde bewegt er sich scheinbar unterschiedlich schnell am Himmel.

Ossendrijver kam der Zufall zu Hilfe. Seit Jahren erforscht er, wie die Astronomen Babylons arbeiteten. Dazu reist er regelmäßig ins British Museum nach London, wo zahlreiche Tontafeln lagern, auf denen die Himmelskundler ihre Beobachtungen in Keilschrift dokumentiert haben. Auf vier dieser Tafeln, die vermutlich zwischen 350 und 50 v. Chr. beschriftet wurden, hatten Forscher bereits Hinweise dafür gefunden, dass die Astronomen damals Trapezflächen berechneten. Doch keiner wusste, warum.

Das Beweisstück lag in London

Eine fünfte Tafel brachte nun die Lösung. Etwa drei mal fünf Zentimeter ist sie groß, verzeichnet ein paar Zeiten und Winkelangaben. "Für meine Arbeit war das nicht so interessant", sagt Hermann Hunger, Altorientalist an der Universität Wien, der die Beobachtungen der Babylonier übersetzt. "Also habe ich das Foto der Tafel meinem Kollegen Ossendrijver gegeben, vielleicht könnte er etwas damit anfangen", erzählt er.

Und ob. Der HU-Wissenschaftler erinnerte sich an die vier bekannten Tafeln mit den Trapezberechnungen und reiste nach London, um der Sache nachzugehen. "Ein Foto allein genügt nicht", sagt er. Die Keilschrift – sie entsteht, indem ein Werkzeug in feuchten Ton gedrückt wird, der später aushärtet – sei dreidimensional. "Um sie richtig lesen zu können, muss man die Tafel in der Hand halten, sie unter dem Licht drehen und wenden."