ZEIT ONLINE: Nordkorea behauptet, erstmals eine Wasserstoffbombe erfolgreich getestet zu haben. Welche Beweise gibt es dafür?

Götz Neuneck: Wenn eine Bombe unterirdisch explodiert, bebt die Erde. Dies erzeugt seismische Wellen, die weltweit gemessen werden können. Besonders gut gelegen sind die Messstationen in der Nähe, etwa in Südkorea und China. In der Region des Testgeländes Punggye-ri im Nordosten Nordkoreas gab es ein seismisches Ereignis mit einer Stärke zwischen 4,7 und 5,3. Allerdings sind die Werte viel zu gering für eine klassische Wasserstoffbombe, die um den Faktor 1.000 stärker ist. Solch einen Typ hat Nordkorea wohl nicht gezündet.

ZEIT ONLINE: Also lügen Diktator Kim Jong Un und sein Regime, was Ihren Atomwaffentest angeht?

Neuneck: Strenggenommen nicht. Denn es gibt zwei Typen von Wasserstoffbomben: Das eine ist die klassische Bombe, sie besteht aus einer Atombombe und grob gesprochen aus Lithium-Reaktionsmaterial. Eine erste Bombe erzeugt hierbei genügend Druck und Hitze, um die eigentliche Wasserstoffreaktion zu entzünden. Diese hat dann eine Sprengkraft, die im Megatonnenbereich liegen sollte. Eine solche Waffe zu entwickeln, ist technisch höchst anspruchsvoll, aber machbar – die USA und Russland haben es in der Vergangenheit bewiesen.

Ich bin mir aber sehr sicher, dass Nordkorea diesen Typ nicht gezündet hat. Sondern den zweiten, eine fusionsverstärkte Atombombe. Hier wird einer Plutoniumbombe der Stoff Tritium beigemischt, das ist ein radioaktives Wasserstoffgas. Letztlich bekommen sie eine normale Atombombenexplosion mit einem Fusionsanteil, der die Sprengkraft der Bombe verdoppeln kann. Die Sprengkraft liegt im Bereich von Kilotonnen – das ist schlimm genug. Dass Nordkorea dazu in der Lage ist, hat es bereits 2006, 2009 und 2013 in vorherigen Tests demonstriert.

ZEIT ONLINE:
Was unterscheidet dann die aktuellen Tests von den damaligen?

Neuneck: Wir beobachten hier einen Trend. Von 2006 bis heute wurden die Erschütterungen stets stärker, demnach hat sich auch die Sprengkraft der Bombe erhöht. Vermutlich von wenigstens 0,5 Kilotonnen auf nun 7 bis 20 Kilotonnen oder etwas mehr. Das ist dann Hiroshima-Niveau, liegt aber eben nicht im Megatonnenbereich einer klassischen Wasserstoffbombe. Ob es sich wirklich um einen erfolgreichen Test handelt, wissen wir erst, wenn Radioaktivität gemessen wird. Was vielleicht nie geschieht.