Ötzi hatte kurz vor seinem Tod so manches Leiden: Marode Zähne, Schnittwunden und eine zerfetzte Schlüsselbeinarterie, um nur einige zu nennen. Doch dem nicht genug: Der "Eismann" aus Südtirol war zudem von Helicobacter pylori befallen. Jenem Bakterium, das schlimmstenfalls Magengeschwüre und sogar Magenkrebs auslöst. Das berichten Forscher aktuell im Fachmagazin Science (Maixner et al., 2016). Was für den drahtigen Herrn in der Steinzeit womöglich unangenehm war, begeistert Forscher: Nie zuvor war es jemandem gelungen, solch altes Magenkeim-Genom zu rekonstruieren.

"Es war sehr unwahrscheinlich, etwas zu finden, da Ötzis Magenschleimhaut nicht mehr vorhanden ist", sagt der Paläopathologe Albert Zink von der Europäischen Akademie (EURAC) in Bozen, einer der Studienleiter. Gelungen ist es, weil die Forscher die DNA des gesamten Mageninhalts akribisch analysierten. Das sei ein technologischer Durchbruch, sagt Sebastian Suerbaum von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der nicht an der Untersuchung beteiligt war. Die ältesten bekannten Varianten von Helicobacter pylori stammten bisher aus den achtziger Jahren, das Bakterium wurde erst 1983 entdeckt.

Komplett erhaltene Bakterien haben die Forscher in Ötzis Magen nicht gefunden. Stattdessen arbeiteten sie mit einzelnen DNA-Sequenzen, aus denen sie Helicobacter pylori rekonstruiert haben. Die Datierung ergab, dass der Bakterienstamm so alt ist wie die Mumie selbst, also 5.300 Jahre. Damit war klar, dass die Keime Ötzis Überreste nicht erst später befallen haben.

Wie kam der Mensch nach Europa? Der Bakterien-Mix soll's verraten

Die Bakterien liefern neue Anhaltspunkte über die Wanderwege der Menschheit. Bisher gehen Forscher davon aus, dass Helicobacter pylori den Menschen schon seit 100.000 Jahren begleitet. Über die Jahrtausende haben sich verschiedene Varianten in aller Welt entwickelt. Ötzis Magenkeim ähnelt jener, welche heute bei Menschen in Mittel- und Südasien zu finden ist. Die heutigen Europäer aber tragen einen Stamm in sich, der eine Mischung dieser asiatischen sowie der afrikanischen Variante ist. Die daraus abgeleitete Schlussfolgerung von Zinks Team: Die beiden Keime trafen erst nach Ötzis Lebzeiten aufeinander. Das könnte heißen, dass der Bakterienstamm aus Afrika später nach Europa kam und mit ihm die afrikanischen Frühmenschen. Damit wäre die Besiedlungsgeschichte Europas noch komplexer als bisher gedacht.

Doch die Forscher räumen selbst ein: Es handelt sich um eine Vermutung. Schon weil es nur Ötzi als Hinweis gibt, ist ihre Theorie alles andere als gesichert. Wer wann wie wo entlang schritt, lasse sich noch immer nicht sagen – dazu bräuchte es weitere Analysen.

Sicher ist, dass die Entwicklung der Bakterien eng mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen verbunden ist. Üblicherweise wird der Keim nämlich innerhalb einer Familie weitergegeben und lässt so Rückschlüsse auf Verwandtschaftsverhältnisse zu. Heutzutage ist etwa die Hälfte aller Menschen mit dem Bakterium infiziert. Bei zehn Prozent von ihnen führt es zu Magengeschwüren, -entzündungen oder -krebs. Ob Ötzi eines dieser Leiden hatte, können die Forscher nicht sagen. Bewiesen ist nur, dass das Immunsystem des Steinzeitmenschen bereits Alarm geschlagen hatte. Zink und seine Kollegen haben Proteine nachgewiesen, die sich heute bei Infizierten finden lassen.

Zum Tod habe die Infektion aber definitiv nicht geführt, davon ist das Team überzeugt. Seit 2001 gehen Forscher davon aus, dass Ötzi ermordet wurde: In seiner linken Schulter steckte eine Pfeilspitze. Derart verletzt, ist er vermutlich auf den Kopf gestürzt. Der Aufprall und innere Blutungen führten zum Tod, so die Theorie.

Ötzis plötzliches Ende ist für die Wissenschaft ein Glücksfall. Seit er vor 25 Jahren entdeckt wurde, entlocken Forscher ihm stets neue Informationen über das Leben in der Steinzeit; Ötzis Leben zumindest. Zusammengekommen ist bis heute allerhand: Letztes Mahl? Fleisch von einem Ziegenbock. Schuhgröße? 38. Augenfarbe? Braun. Und wer es ganz genau wissen will: Der Gletschermann war laktoseintolerant und tätowiert.