ZEIT ONLINE: Herr Renn, wovor haben Sie Angst?

Ortwin Renn: Ich habe eher Angst vor einem Herzinfarkt als davor, dass ich von Flüchtlingen erschlagen werde oder Terroristen zum Opfer falle. Das ist bei mir sicher eine Frage des Alters. Aber ich kann verstehen, dass Menschen vor Flüchtlingen oder Terror Angst haben.

ZEIT ONLINE: Warum können Sie das verstehen?

Renn: Sowohl bei Flüchtlingen als auch beim Terror kann jeder die Vorstellung bekommen: Auch ich könnte das Opfer sein. Denn es ist vollkommen zufällig, wen es trifft. Diese Vorstellung ist viel angstauslösender als wenn ich wüsste, die Gefahr zielt auf eine ganz bestimmte Gruppe.

ZEIT ONLINE: Warum macht das einen Unterschied?

Renn: Warum spielen Menschen Lotto? Jeder weiß: die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen liegt bei 1:140 Millionen. Dennoch sagt sich jeder, einer muss ja gewinnen, warum soll ich das nicht sein? Wir schätzen Wahrscheinlichkeiten anders ein als die Statistik uns vorrechnet. Denn wir erleben immer wieder Dinge, die eigentlich sehr unwahrscheinlich sind. Das bestärkt uns in dem Glauben, dass das Unwahrscheinliche vielleicht doch nicht so unwahrscheinlich ist. Der Denkfehler: Wir ignorieren dabei, dass es Millionen unwahrscheinliche Dinge gibt, von denen wir nur eines oder zwei erleben. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir gerade das erleben, vor dem wir uns fürchten.

ZEIT ONLINE: Die Ängste gibt es nun aber. Wie sollte man sie in der Öffentlichkeit diskutieren?

Renn: Man sollte den Menschen erklären, wie sie Risiken wahrnehmen und nicht, wie die Risiken wirklich sind. Zahlen helfen nicht. Aber es kann helfen, darüber zu reden, warum Menschen bestimmte Risiken wie terroristische Anschläge überbewerten. Immer wenn sie denken, jeder könnte getroffen werden, verstärkt sich der subjektive Eindruck, das könnte auch mich treffen. Wenn sie diesen Mechanismus kennen, können sie sich beim Nachrichtenlesen dabei beobachten, wie sie in diese Falle tappen.

ZEIT ONLINE: Politik reagiert anders, sie verschärft Gesetze um zu zeigen, dass sie Sorgen ernst nimmt, um zu belegen, dass sie handelt. Ist das eine adäquate Art, auf solche Ängste zu reagieren?

Mehr zu den neuen Ängsten der Deutschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 5 vom 28.01.2016.

Renn: Es gäbe bessere Arten um zu zeigen, dass man mit den Menschen mitfühlt, als immer wieder mit der großen Keule schärferer Gesetze zuzuschlagen. Das Problem ist die Unsicherheit. Menschen haben viel mehr Angst vor Unsicherheit als vor Schaden. Man sollte versuchen, diese Unsicherheit zu reduzieren. Beispiel Köln. Es wäre sinnvoll zu kommunizieren: Ok, die Polizei ist auf solche Situationen bisher nicht vorbereitet gewesen. Sie wird daher dafür sorgen, dass es in Zukunft bei großen Versammlungen einen klar erkennbaren Ansprechpartner der Polizei gibt, oder eine Handynummer, bei der man vor Ort Hilfe anfordern kann. Das würde den Menschen das Gefühl geben, dass sie der Situation nicht hilflos ausgeliefert sind. Denn Hilflosigkeit ängstigt Menschen sehr. 

ZEIT ONLINE: Unsicherheit ängstigt uns mehr als Schaden? Warum?

Renn: Wenn wir eine Gefahr nicht kennen, wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen. Sollen wir uns totstellen, kämpfen, flüchten oder uns unterwerfen? Wenn wir die Gefahr vor uns sehen, können wir uns für eines der Verhaltensmuster entscheiden. Aber solange wir den Tiger nicht sehen, ist die Aufmerksamkeit erhöht, ohne dass wir reagieren können. Angst ist ein Informationsfilter, sie soll uns auf eines dieser Reaktionsmuster vorbereiten. Aber wenn wir keine Entscheidung fällen können, schafft das Stress und das kann bis hin zu kollektiver Hysterie führen.

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ZEIT ONLINE: Kann man Gelassenheit im Umgang mit terroristischer Gefahr lernen?

Renn: In Deutschland ist es wahrscheinlicher, auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt von einem Auto überfahren zu werden, als dort bei einem Bombenattentat zu sterben. Der kognitive Weg, sich solche Größenordnungen vor Augen zu führen, ist also durchaus wichtig. Beim Fliegen funktioniert das auch. Jeder hat ein mulmiges Gefühl, wenn es wackelt. Dennoch wissen alle, Fliegen ist sicherer als Autofahren. Deshalb fliegen ja auch die meisten Menschen in Deutschland mit dem Flugzeug.

Ein anderer Weg wäre, Erfahrungen damit zu sammeln. Also zu erleben, dass nichts passiert. Beispielsweise bewusst auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen und zu sehen, das ist gar nicht so schlimm, auch wenn ich Angst habe. Oder aber für die betreffende Zeit solche Situationen zu meiden, also ein paar Tage nicht auf Weihnachtsmärkte zu gehen, wenn eine Terrorwarnung ausgesprochen wurde. Das hängt auch davon ab, ob man eher der Kampf- oder eher der Fluchttyp ist.

ZEIT ONLINE: Was ist mit irrationalen Ängsten, für die es keinen Beleg gibt, wie beispielsweise die so lautstark befürchtete "Überfremdung"?

Renn: Solche Begriffe finden immer dann Resonanz, wenn die Angsterfahrung des Einzelnen nicht thematisiert wird. In der Debatte um Flüchtlinge wurden Sorgen Einzelner zu stark abgewertet, aus Angst, fremdenfeindlich zu wirken. In der Phase der Euphorie wurden jene, die die Euphorie nicht teilten, nahezu ausgegrenzt. Ich halte es für wichtig, auch solche Einzelerfahrungen aufzugreifen. Es gibt viele Helfer in Flüchtlingseinrichtungen, die auch verstörende Erlebnisse hatten. Das wurde zu schnell abgetan.

Aber es ist wichtig, dass deutlich gemacht wird: Opfer von Gewalt und Bürgerkrieg sind nicht per se bessere Menschen, nur weil sie Opfer sind. Sie sind arm, sie sind vom Krieg getroffen, aber auch unter ihnen kann es Betrüger und Faulpelze geben. Sie sind nicht besser als andere. Aber sie sind auch nicht schlechter. So etwas klar zu sagen, ist wichtig, um pauschalen Urteilen entgegen zu wirken. Denn wenn die Erfahrung des Einzelnen mit den kommunizierten Berichten nicht mehr übereinstimmt, kommt es zu Vorwürfen wie 'Lügenpresse' oder zu Verschwörungstheorien.

ZEIT ONLINE: Wie bekommen wir die Einzelerfahrungen wieder in die Debatte hinein, wie können wir sie aufgreifen?

Renn: Ich finde es gut, wenn positive wie negative Erfahrungen publiziert werden. Wenn hingegen jeder Flüchtling, der in Medien vorgestellt wird, engelhafter ist als der vorherige, ist das kontraproduktiv. Das heißt nicht, dass wir Hasspredigern eine Plattform bieten sollen. Wir müssen die Bandbreite der Erfahrungen der Menschen widerspiegeln. Wen wir das nicht tun, verlieren wir Glaubwürdigkeit.

ZEIT ONLINE: Ein Innenminister, der bei Gefahren nur kommuniziert, dass er nichts sagen kann, ja dass er nichts sagt, weil er die Bevölkerung nicht beunruhigen will, schürt der nicht eher Ängste als zu beruhigen?

Renn: Das war gut gemeint, aber psychologisch ungeschickt. Nicht alles ist gut, was gut gemeint ist. Es muss nicht jedes Detail ausgebreitet werden. Aber zu sagen, ich möchte sie nicht verunsichern, verunsichert. Besser wäre es, zu sagen, wir haben eine ernste Bedrohung, gehen sie heute bitte nicht auf den Weihnachtsmarkt und morgen geben wir dann Entwarnung. Das ist wichtig, damit die Spannung sich nicht immer weiter auflädt, wenn immer neue Warnungen kommen, aber nie eine Entwarnung.

ZEIT ONLINE: Es scheint nie Entwarnungen zu geben, nur immer neue Warnungen, warum?

Renn: Ein Politiker, der zu viel warnt, der zu oft 'Wolf ruft, verliert vielleicht etwas an Achtung, oder er hat den Bundesrechnungshof im Nacken, aber er muss nicht zurücktreten. Ein Minister, der auch nur ein Mal entwarnt und dann passiert etwas, der ist sofort weg. Für Politiker ist also das persönliche Risiko viel größer, wenn sie entwarnen, als wenn sie warnen. Wenn man das weiß, kann man Politik besser verstehen.

Kritisch wird es, wenn derjenige das lange Zeit tut, wenn er bei jeder Kleinigkeit 'Gefahr' ruft. Dann lähmt er damit die Gesellschaft, dann gibt es Prozesse, die dazu führen, dass jeder jedem misstraut. Und dann muss derjenige sich schon fragen, ob seine Risikobilanz noch sinnvoll ist.

Mehr zu den neuen Ängsten der Deutschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 5 vom 28.01.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Minderjährige Flüchtlinge - "Er hilft mir – und ich helfe ihm" Etwa 60.000 Minderjährige flohen im vergangenen Jahr ohne ihre Eltern nach Deutschland. Auch der 17-jährige Hamud kannte in München niemanden. Bis er Felix traf. Ein Beitrag aus der Webdokumentation “Fremde Freunde”, die mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten 2015 ausgezeichnet wurde. (http://afklab.pageflow.io/fremde-freunde)