Mit wildem Gebrüll stürzt sich der Tyrannosaurus rex auf eine Dornenechse, beißt ihr in den Hals, verfolgt sie durch einen Dschungel aus gigantischen Bäumen – und zieht am Ende doch den Kürzeren gegen den rund acht Tonnen schweren Spinosaurus aegyptiacus, den größten aller Raubsaurier. Es ist ein furchterregender Kampf der Giganten, den Hollywood 2001 im dritten Jurassic Park-Film am Computer inszenierte.

Ganz so spektakulär gestaltet sich das erneute Aufeinandertreffen von T. rex und "Spino" im Berliner Naturkundemuseum nicht. Das ist Absicht. Denn: Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Raubsaurierarten zu Lebzeiten je übereinander hergefallen sind, beträgt "null", sagt Nazir Ibrahim, Paläontologe von der Uni Chicago. Entsprechend haben die Kuratoren die Nachbildung eines der seltenen Spinosaurus-Gerippe ein wenig abseits zum T. rex namens Tristan aufgebaut, der schon seit ein paar Wochen dort steht. Ab sofort sind beide Riesensaurier in Berlin zu sehen.

"Zum einen haben sie auf unterschiedlichen Kontinenten gelebt. Spinosaurier im heutigen Afrika und T. rex in Nordamerika", sagt Ibrahim. "Zum anderen lebten sie zu unterschiedlichen Zeiten, Tyrannosaurier gegen Ende, Spinosaurier in der mittleren Kreidezeit vor rund 100 Millionen Jahren. Es lagen also viele Jahrmillionen dazwischen."

Spinos Entdecker war schon als Fünfjähriger Dino-Fan

Ibrahim muss es wissen, es ist "sein" Spinosaurier. Er hat 2013 das erste Teilskelett der Art seit mehr als hundert Jahren in der marokkanischen Wüste gefunden. Vor ihm entdeckte nur der deutsche Paläontologe Ernst Stromer von Reichenbach 1910 Überreste eines Spinosaurus in Ägypten. Doch die Fossilien wurden durch Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg in München zerstört.

Für Ibrahim, geboren in Berlin-Steglitz, ging mit dem "Spino"-Fund ein Kindheitstraum in Erfüllung. "Ich habe meine Eltern schon als Fünfjähriger so lange genervt, bis sie mit mir ins Naturkundemuseum im Osten der Stadt fuhren, damit ich mir dort die Dinosaurier ansehen konnte." Doch anders als viele dinobegeisterte Kinder, die das Interesse spätestens als Teenager wieder verlieren, hielt Ibrahim an seinem Traum fest.

Quastenflosser paddelten durch Flüsse, wo heute die Sahara ist

Er ging nach Bristol, um Biologie und Geologie zu studieren, machte in Dublin seinen Doktor in Paläontologie und spezialisierte sich auf die kreidezeitliche Sahara. "Das war damals keine Wüste, sondern ein von Flüssen und mangrovenartigen Wäldern durchzogenes Biotop", sagt er. Das seien "Flüsse der Giganten" gewesen, denn darin schwammen drei Meter lange Lungenfische, kleinwagengroße Quastenflosser und bis zu fünf Meter große Sägezahnfische. Ein reich gedeckter Tisch für einen Räuber, der sich auf die Jagd im Wasser spezialisiert hatte.

"Das Außergewöhnliche am Spinosaurier ist nicht, dass er mit 15 Metern größer als ein T. rex ist, sondern dass seine Anpassung an ein Leben im Wasser so einzigartig für die eigentlich landlebenden Dinosaurier ist", sagt Ibrahim. Für die Dinoforschung sei der Spinosaurus deshalb wie ein Außerirdischer. Der langgezogene Schädel ähnelt dem von Krokodilen. Er hat sehr lange Zähne, die nicht auf das Zermalmen von Knochen wie beim T. rex, sondern auf das Festhalten von Beute spezialisiert sind. "Die Nasenöffnung ist viel weiter hinten am Schädel, sodass er wie ein Krokodil auch dann noch atmen konnte, wenn der Kiefer unter Wasser lag." Die Zähne standen so weit auseinander, dass das Wasser beim Zupacken keinen Gegendruck erzeugen konnte. Und kleine Löcher im vorderen Kieferknochen deuten auf Sinnesorgane hin, wie sie auch Krokodile zur Wahrnehmung von Beutebewegungen im Wasser haben. "Paddelartige Füße, kurze Hinterbeine wie bei den Vorfahren der Wale, dichte Knochen wie bei Pinguinen oder Seekühen – der Spinosaurus ist perfekt an ein Leben im Wasser angepasst", sagt Ibrahim, dem noch immer die Begeisterung des Fünfjährigen anzumerken ist.

Paläontologische Detektivarbeit

Ein Kinderspiel war die Suche nach dem Spinosaurus allerdings nicht. 2008, als Ibrahim im Zuge seiner Doktorarbeit nach Marokko reiste, zeigte ihm ein Fossilienjäger ein paar Dinosaurierknochen. "Ein Exemplar hat mich besonders interessiert, weil es aussah wie ein Bruchstück von einem der riesigen Dornfortsätze, wie sie Spinosaurier auf dem Rücken tragen." Die 1,80 Meter langen Ausstülpungen der Rückenwirbel waren wohl von bunt gefärbter Haut überzogen und bildeten ein riesiges, stets aus dem Wasser ragendes Segel. Das trugen die Tiere vermutlich wie Pfauen zur Schau und sendeten damit wichtige Informationen wie Alter oder Geschlecht.

"Wenn ein Spinosaurier einen anderen von Weitem gesehen hat, dann konnte er abschätzen, mit wem er es zu tun hat", erläutert Ibrahim. An den Knochen aus Marokko erinnerte sich der junge Forscher erst wieder, als er Jahre später recht ähnliche Spinosaurus-Fossilien unbekannter Herkunft im Mailänder Naturkundemuseum sah. "Ich vermutete, dass sie zu ein und demselben Fund gehörten."

Die Suche nach dem Fossilienjäger begann. "Ich hatte weder Adresse noch Name, sondern nur eine vage Erinnerung an sein Gesicht und seinen Schnurrbart." Monatelang fahndet er nach dem Mann. Als er schon aufgeben will und niedergeschlagen in einem Café in Marokko am Rand der Wüste Minztee schlürft, sieht er tatsächlich den Fossilienjäger vorbeilaufen. "Er erzählte, dass er mehr Knochen gefunden und einige nach Italien verkauft hatte und führte uns dann an den Fundort."

In der Wüste warten noch mehr Fossilien

Die National Geographic Society der USA finanzierte dann die Ausgrabung von mehreren 100 versteinerten Spinosaurus-Knochen und auch die Wanderausstellung der Ergebnisse, die nun im Naturkundemuseum zu sehen ist. "Mir war es sehr wichtig, dass die Ausstellung hier in Berlin gezeigt wird", sagt Ibrahim. Das sei etwas ganz Besonderes. Auch wenn hier "nur" 3-D-Drucke der Originalfossilien zu sehen sind, abgesehen von einem originalen Fuß und einem Dornfortsatzknochen. "Die Originale sind alle zurück nach Marokko gebracht worden, das war mir wichtig."

Bald wird der Forscher wieder in die Sahara reisen und die restlichen Spinosaurusknochen ausgraben, um sich ein noch besseres Bild des Raubsauriers zu machen, wenn möglich noch realistischer und lebensechter als im Film Jurassic Park. "Ich hätte nichts dagegen, ihm mal über den Weg zu laufen", sagt Ibrahim schmunzelnd. "Wenn's möglich wäre, würde ich's riskieren."