Ein Tsunami trifft ein Atomkraftwerk. Der Strom fällt aus. Brennstäbe überhitzen. Reaktoren explodieren. Radioaktivität entweicht. Super-GAU.

Als am 11. März 2011 das schwerste Beben in der Geschichte Japans das AKW in Fukushima außer Kontrolle bringt, sehen viele die Welt vor dem Untergang. Schon nach zwei Tagen scheinen die Tausenden Toten vergessen, die in den Stunden nach dem Seebeben von Tsunami-Wellen getroffen wurden.

Atomangst beherrscht die Menschen. Aber nicht nur die in Japan, sondern auch und vor allem jene, die weit entfernt von Fukushima den Super-GAU im Fernsehen oder im Internet verfolgen. Das zweite Tschernobyl. Japan, für Generationen vergiftet. Und wenn das nächste Beben kommt, vielleicht der ganze Planet.

Dieses Worst-Case-Szenario ist nicht eingetreten. Ein Grund, sich zu freuen? Keinesfalls. Aber Anlass genug, sich sechs Dinge klarzumachen, die anders sind, als viele vor fünf Jahren dachten.

1. Die Katastrophe war der Tsunami

Auf den ersten Blick scheint heute alles halb so schlimm. Nicht ein einziger Mensch ist seit dem GAU nachweislich in Folge der Strahlung gestorben. Und bis auf einen statistisch kleinen und bisher nur vermuteten Anstieg der Fälle von Schilddrüsenkrebs unter Kindern rechnen Mediziner kaum mit gesundheitlichen Spätfolgen. Selbst das beschädigte AKW, aus dem immer noch radioaktives Wasser sickert, soll einigermaßen unter Kontrolle sein.

Was dabei vergessen wird: Während der Erdstöße nach dem Seebeben und durch die so ausgelösten Tsunami-Wellen sind mehr als 15.000 Menschen gestorben. Mehr als 2.500 gelten noch als vermisst. Hafengebiete und kleinere Städte wurden von den Wassermassen überrollt und vernichtet. Die Schäden werden auf umgerechnet mehr als 180 Milliarden Euro geschätzt. 122.000 Gebäude zerstörte die Naturkatastrophe komplett, 278.000 zur Hälfte, weitere 726.000 wurden teilweise beschädigt. 470.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, viele waren plötzlich obdachlos.

Bis jetzt leben knapp 200.000 von ihnen in Übergangswohnungen, 70.000 sogar noch in Containerdörfern, die als Notunterkünfte direkt in den Wochen nach dem 11. März 2011 errichtet wurden und eigentlich nur zwei Jahre halten sollten.

Gleichzeitig rühmen sich die Regierung Japans und die dazugehörige Agentur für Aufbau mit ihren Erfolgen (hier nachzulesen).

Wer Verwandte außerhalb der vom Tsunami betroffenen Region hatte oder genügend Geld, hat die provisorischen Unterkünfte und Übergangswohnungen längst verlassen. Zurückgeblieben sind vor allem ältere und ärmere Menschen. Viele wissen nicht, wohin.

2. Krebsfälle dürften kaum zunehmen

Tote in unmittelbarer Folge der Strahlung, massenweise Krebserkrankungen und fehlgebildete Neugeborene – das sind die schlimmsten Befürchtungen nach einer Atomkatastrophe. Dass Radioaktivität eine unsichtbare Gefahr ist, potenziert die Angst zur Hysterie.

Die Realität ist eine andere und kaum zu glauben: Krebs ist 30 Jahre nach Tschernobyl nicht das größte Gesundheitsrisiko der Region, Angststörungen, Depressionen, Alkohol- und Drogensucht waren die größten Gesundheitsgefahren nach der Katastrophe. Noch weniger ist Krebs fünf Jahre nach Fukushima das größte Gesundheitsrisiko in Tohoku, dem Nordosten Japans, in dem Fukushima liegt.

Zweifellos schaden bereits geringe Mengen radioaktiver Teilchen den Zellen des menschlichen Körpers. Allerdings zerfallen auch in der Natur jederzeit und überall radioaktive Partikel. Die einzige Tumorerkrankung, die Mediziner nach Reaktorunfällen direkt als Folge radioaktiver Strahlung ausmachen können, ist Schilddrüsenkrebs. Diese Krebsart häuft sich, wenn Menschen nach einem Atomunfall radioaktives Jod einatmen oder über die Nahrung aufnehmen.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl vor 30 Jahren beobachteten Epidemiologen unter den rund sieben Millionen Menschen in den kontaminierten Gebieten etwa 6.000 zusätzliche Schilddrüsenkrebserkrankungen. Auf der Basis der Daten, die Forscher in den Jahrzehnten nach Tschernobyl gesammelt und ausgewertet haben, lässt sich einigermaßen abschätzen, dass die Folgen in Japan weniger gravierend sein werden. Denn anders als 1986 flohen nach dem GAU in Fukushima die meisten der rund 156.000 Menschen rechtzeitig. Sie verließen die Region, ehe entzündeter Wasserstoff die Betonhüllen dreier Reaktoren sprengte. Zudem entwich im Vergleich zu Tschernobyl nur ein Fünftel der Radioaktivität. Fast 80 Prozent verteilten sich über dem Meer vor Japans Küste.

3. Die Prognosen sind unsicher

Die Prognosen über die Zahl zu erwartender Krebsfälle ermitteln unabhängige Experten der Vereinten Nationen in einem Komitee namens UNSCEAR. Für Fukushima und die Region Tohoku gehen sie grundsätzlich davon aus, dass es keine messbare Zunahme von Krebsfällen unter Erwachsenen geben wird.

Warum aber kursieren so dramatisch unterschiedliche Opferprognosen? Für Tschernobyl reichen die Schätzungen von weniger als 10.000 Toten infolge der Katastrophe bis hin zu mehr als 1,7 Millionen.

Um die Zahl der Krebstoten nach einem Atomunglück zu berechnen, müssen Experten spekulieren, auch wenn es viele Daten und Messergebnisse gibt. Schließlich ist es praktisch unmöglich, bestimmte Krankheiten, die zum Teil Jahre oder Jahrzehnte nach einem solchen Strahlenunfall auftreten, mit radioaktiver Exposition in Verbindung zu bringen.

Ein erhöhtes Krebsrisiko lässt sich erst ab einer Jahresdosis von mehr als 100 Millisievert feststellen. Japanische Wissenschaftler wissen dies seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg. Wer in Rechenmodellen diesen Schwellenwert von 100 Millisievert ignoriert, wie es viele Umweltaktivisten tun, kommt auf mehr Tote. Wer den Schwellenwert berücksichtigt, erkennt: Rein rechnerisch taucht so etwa ein zusätzlicher Krebsfall unter 100 Menschen in der Gesamtbevölkerung auf. Allerdings gilt für die meisten Industrienationen: Etwa 40 dieser 100 Menschen würden in ihrem Leben ohnehin an einem Tumor erkranken. Im statistischen Rauschen verliert sich somit der direkte Zusammenhang zwischen Krebs und Radioaktivität.

Die Zahl der Schilddrüsenkarzinome unter Kindern könnte laut UNSCEAR nach der Nuklearkatastrophe an der japanischen Ostküste minimal ansteigen (White Paper Fukushima, UNSCEAR, 2015). Das allerdings ist schlimm genug.

Aus diesem Grund fahndeten Mediziner seit Ende 2011 in den Schilddrüsen aller, die zum Zeitpunkt des Atomunglücks unter 18 Jahre alt waren und in der Präfektur Fukushima lebten, nach Knötchen und bestimmten Zellen, die sich zu Krebs entwickeln könnten. Per Ultraschall wurden 370.000 Kinder und Jugendliche untersucht.

Bis Dezember 2014 hatten Mediziner auf 2.251 Ultraschall-Aufnahmen etwas Auffälliges entdeckt (Epidemiology: Tsuda et al., 2015). 2.067 Fälle wurden genauer untersucht, 110 davon klassifizierten die Forscher als Krebs. Von diesen 110 Patienten wurden 87 operiert, in 86 Fällen davon bestätigten Gewebeuntersuchungen den Krebsbefund. Allerdings, und das ist entscheidend: Nur in einem Fall wurde ein bösartiger Tumor gefunden.

In ihrer Analyse gingen die Forscher ziemlich weit und sprachen vier Jahre nach der Katastrophe von einem Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle unter Kindern und Jugendlichen.

Andere Wissenschaftler kritisierten diese Studie als mangelhaft und irreführend: Man dürfe Vorstufen von Krebszellen und bestimmte Knötchen nicht gleichsetzen mit tatsächlichen Tumorerkrankungen. Ein weiterer Minuspunkt: Die Studie beschreibt nicht, welchen Strahlendosen die Untersuchten ausgesetzt gewesen sein könnten.

Doch woher stammen die winzigen Knötchen und Zysten, wenn sie keine Folge des Fallouts sind? Möglich ist ein einfacher Beobachtungseffekt: Nie zuvor wurden Hunderttausende Menschen innerhalb von vier Jahren so intensiv mit modernstem Ultraschall gescannt wie in Fukushima.

Wie viele der Kinder und Jugendlichen tatsächlich ein bösartiges Schilddrüsenkarzinom bekommen, wird man erst in einigen Jahren feststellen. Im Vergleich zu anderen Tumoren lassen sich Karzinome an der Schilddrüse jedoch gut behandeln. Die Wahrscheinlichkeit, die 20 Jahre nach der Diagnose zu überleben, liegt bei rund 90 Prozent, über alle Altersgruppen hinweg.

4. Das Schlimmste sind die psychischen Folgen

In den fünf Jahren seit der Reaktorkatastrophe in Japan beobachten Wissenschaftler aus Fukushima in der Bevölkerung psychische Probleme. Vor allem unter den Menschen, die vor dem GAU in einem Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk gelebt hatten. Fast 15 Prozent dieser rund 60.000 Flüchtlinge berichteten von Angststörungen, Schuldgefühlen oder Depressionen. Normalerweise erleben so etwas nur drei Prozent der Bevölkerung (Suzuki et al., Bulletin of the WHO, 2015).

Die Ursachen für solche Probleme wurden schon nach Tschernobyl deutlich: Die meisten Flüchtlinge wurden mit ihrer Verzweiflung weitgehend allein gelassen und nicht aufgeklärt. Sie hatten ihre Heimat verloren, lebten ausgegrenzt und mit der Angst, Krebs zu bekommen. Auch Herz-Kreislaufkrankheiten oder Diabetes traten wegen der schlechten Lebensumstände gehäuft auf – nicht aber wegen der Radioaktivität. Gleichzeitig kamen tatsächliche Strahlenopfer kaum zu ihrem Recht. Einige von ihnen kämpfen bis heute für Entschädigungen.

Zigtausende leiden wohl bis heute unter Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Unter den mehr als 600.000 Arbeitern, Soldaten und Feuerwehrmännern, die vier Jahre lang die AKW-Ruine von Tschernobyl zu sichern versuchten, liegt die Selbstmordrate anderthalbmal höher als im Rest der Bevölkerung.