Großbritannien erlaubt erstmals Genversuche an Embryonen. Der entsprechende Antrag der britischen Genetikerin Kathy Niakan, die am Francis Crick Institute in London arbeitet, wurde von der britischen Kontrollbehörde Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) genehmigt. Dies gelte ausschließlich zu Forschungszwecken, veränderte Embryonen dürften keiner Frau eingesetzt werden, hieß es. Bevor das Forscherteam starten kann, muss eine Ethikkommission zustimmen.

Niakan will mit ihrer Forschung Einsichten in die frühe menschliche Entwicklung erlangen, um damit langfristig etwa Fehlgeburten vermeiden zu können. Verwenden werde sie Embryonen, die aus künstlicher Befruchtung übrig geblieben und nicht lebensfähig sind, heißt es in dem Antrag, über den die HFEA mehrere Wochen beraten hatte. Die Embryonen sollen von Paaren gespendet werden.

Die Zulassung betrifft die sogenannte Crispr/Cas9-Methode. Mit ihrer Hilfe kann man Abschnitte der DNA gezielt ansteuern, an der gewünschten Stelle Teile herausschneiden, ausschalten, umschreiben oder auch durch andere ersetzen. In der Pflanzenzucht und in der Forschung an Nutztieren wird die Technik schon breit eingesetzt, in der Humanmedizin weckt sie große Hoffnungen für neue Therapien.

Die Londoner Forscher werden künftig Experimente an wenige Tage alten menschlichen Embryonen durchführen. Die Wissenschaftler werden sich bei der Untersuchung auf die ersten sieben Tage einer frisch befruchteten Eizelle beschränken. Sie wollen verstehen, wie sich ein gesunder Embryo entwickelt, schreiben die Forscher.

"Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit sind weit verbreitet, aber noch immer wenig verstanden", sagte Niakan bei einer Vorstellung ihres Forschungsvorhabens im Januar in London.  "Wir erhoffen uns von unserer Forschung, die ersten Entwicklungsschritte menschlichen Lebens besser zu verstehen." 

Genetische Eingriffe, die in allen folgenden Generationen weitergegeben würden, weil sie auch Eizellen und Spermien erfassen, galten lange Zeit als Tabu. Gebrochen wurde es in einem ersten Versuch von dem chinesischen Forscherteam um Puping Liang (Liang et al., 2015).

Die Entscheidung der britischen Behörde dürfte die ethische Debatte über Genversuche am Menschen erneut in Gang setzen. Das aktive Verändern der menschlichen DNA ist äußerst umstritten und in vielen Ländern nicht erlaubt. Kritiker befürchten, dass sogenannte Designerbabys geschaffen werden könnten.

Projekt berührt sensible ethische Fragen

Mehrere britische Wissenschaftler begrüßten die Entscheidung der Behörde. Damit würden neue Einblicke in grundlegende Gen-Mechanismen gewonnen, sagte der Gynäkologe Peter Braude vom Londoner King's College. Der Biotechnologe Bruce Whitelaw vom Roslin Institute der Universität Edinburgh sagte, mit Hilfe des Projekts könnten Wege ausgelotet werden, unfruchtbaren Paaren zu helfen.

Sarah Chan vom Usher Institute for Population Health Sciences and Informatics lobte ausdrücklich, dass sich die Behörde mit ihrer Entscheidung Zeit gelassen habe. Das Projekt "berührt einige sensible Fragen" – deshalb sei es richtig, dass es mitsamt seiner ethischen Folgen sorgfältig untersucht worden sei.

Großbritannien hatte im vergangenen Jahr als erstes Land zugelassen, dass bei einer künstlichen Befruchtung unter bestimmten Umständen das Erbgut von drei Menschen verwendet werden darf. Kritiker hatten vergeblich darauf hingewiesen, dass diese auf wenige Fälle beschränkte Erlaubnis in Zukunft weiter ausgeweitet werden könnte.

Hans Schöler, Leiter des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, bewertet die Entwicklung mit Skepsis: "Diese Forschung hat eine neue Qualität. Sie öffnet eine Tür, gezielt in die Keimbahn eines menschlichen Embryos einzugreifen." Es sei bislang internationaler Konsens gewesen, dass solche Eingriffe nicht durchgeführt werden sollten. "Die Briten wollen offenbar eine Vorreiterrolle einnehmen", so Schöler. Letztlich werde die Forschung darauf abzielen, Krankheiten zu vermeiden. Die Keimbahn betrifft jene Zellen, die sich später zu Keimzellen – also Spermien oder Eizellen – entwickeln.