Ein kenianisches Massai-Mädchen bei einer Initiationszeremonie, die von Gegnern der Genitalverstümmelung organisiert wurde. © Tony Karumba/AFP/Getty Images

Genitalverstümmelung, was das heißt? Konkret werden Säuglingen und Kleinkindern mit Rasierklingen Teile der Vagina entfernt, oder Mütter schneiden ihren Töchtern später mit dreckigen Eisenwerkzeugen Klitoris und innere Schamlippen heraus. Ohne Betäubung. Oft macht das auch eine traditionelle Beschneiderin. In einigen Ländern ist es Tradition, die äußeren Schamlippen dabei mit Absicht so zu verletzten, dass die Scheide zuwächst oder sie wird zusammengenäht (Infibulation), bis auf ein winziges streichholzkleines Loch zum Wasserlassen.

Warum Frauen das angetan wird? Fast immer wird das aus einer Tradition heraus begründet. Der Eingriff soll die Reinheit und Jungfräulichkeit einer Braut gewährleisten, die Sexualität kontrollieren und eine Frau zur Treue zwingen. Als Nebeneffekt kann die Verengung der Scheide die männliche Lust fördern.

Abgesehen davon, dass derart beschnittene Frauen nie wieder Spaß, sondern nur heftige Schmerzen beim Sex empfinden, Fisteln und Geschwüre bekommen, oft an Inkontinenz leiden und in Lebensgefahr geraten, sobald sie ein Kind gebären müssen, überleben fünf bis zehn Prozent der Mädchen schon den Eingriff selbst nicht: Sie verbluten, sterben an Infektionen oder direkt an dem Schock.

Ein krasser Vorschlag

Die Zahl dieser Todesopfer könne man doch reduzieren, meinen zwei Ärzte aus den USA. Sie haben mit einem Vorschlag, vergleichsweise harmlose Methoden der Beschneidung von Mädchen unter ärztlicher Kontrolle zu etablieren, einen Aufschrei und heftige Debatten unter Gynäkologen und Menschenrechtsvertretern ausgelöst.

Im Journal of Medical Ethics schreiben die Gynäkologin Kavita Shah Arora aus Cleveland in Ohio und ihr New Yorker Kollege Allan Jacobs, liberale Gesellschaften sollten "kultursensibler" werden und zumindest kleine, eher symbolische Eingriffe tolerieren. Und sie sollten die Sprache überdenken, in der sie darüber reden. Werde etwa die Vorhaut der Klitoris nur teilweise beschnitten, so solle das nicht als Verstümmelung, sondern als Veränderung bezeichnet werden.

Die Empörung ist groß: Wer das vorschlägt, toleriere die Unterdrückung von Frauen und akzeptiere Menschenrechtsverletzungen als kulturelles Erbe, sagen viele. Aber darf man nichts vorschlagen, was – würde es als Alternative akzeptiert – Hunderttausenden Frauen das Leben retten könnte? Schließlich ist es unwahrscheinlich, dass Länder, in denen das Ritual Alltag ist, sehr bald damit aufhören und sich den westlichen Vorstellungen unterwerfen werden.

Gar nichts sagen, statt Schlimmeres zu vermeiden?

Ein Denkverbot sollte es nicht geben. Man sollte die Argumente prüfen. Schließlich machen die US-Gynäkologen ihren Vorschlag, um Schlimmeres zu verhüten. Weder befürworten sie die Genitalverstümmelung, noch sehen sie in den Minimaleingriffen die beste Lösung. Nur als Notlösung sollten "westliche" Ärztinnen und Ärzte ihrer Meinung nach in Betracht ziehen, auf Wunsch der Eltern Mädchen symbolisch an den Genitalien zu beschneiden.

Sie mahnen zudem eine differenziertere Sprache an: Ein kleiner "nick", ein Schnitt in die Vorhaut der Klitoris, sei keine Genitalverstümmelung. Mit diesem Wunsch nach einer Sprache, die die Würde der Betroffenen wahrt, stehen die Autoren nicht allein: Die in Eritrea geborene, heute in der Schweiz tätige Ärztin Fana Asefaw verficht in ihrer Dissertation dasselbe Anliegen – und spricht lieber neutral von "Cutting", Beschneidung. Das rückt die Eingriffe rein sprachlich in die Nähe derjenigen, die aus religiösen und kulturellen Gründen bei kleinen Jungen ausgeführt werden.

Darüber, ob es gut ist, die männliche Beschneidung zu erlauben beziehungsweise von Ärzten ausführen zu lassen, gab es allerdings in Deutschland vor drei Jahren eine erregte Debatte. Sie ist zwar in den Hintergrund getreten, erledigt hat sie sich nicht. Das Argument der "Geschlechter-Gerechtigkeit" steht also auf wackligen Füßen. Bei Mädchen, so hört man von Medizinern, wären solche Eingriffe zudem diffiziler. Dass zunehmend erwachsene Frauen aus "ästhetischen" Gründen chirurgische Korrekturen in der Intimzone vornehmen lassen, ist ebenfalls kein Argument: Sie können das, im Unterschied zu minderjährigen Mädchen, selbst entscheiden. 

Ein bisschen beschnitten ist eine Braut wenig wert

Bleibt das Argument, wer kultursensibel sei und weniger gravierende Eingriffe von Fachleuten sauber ausführen lasse, erspare diesen Mädchen größeres Leid. Die Erfahrung der Ärzte vom Desert Flower Center im Berliner Krankenhaus Waldfriede spricht ganz klar dagegen: Eine Veränderung, die keiner sieht, die zählt auch später nicht, wenn eine Braut begutachtet wird.

Fazit: Beim Lesen der Studie spürt man deutlich ein ehrliches, vielleicht sogar sympathisches und menschliches Anliegen der Wissenschaftler. Und wird gleichzeitig ein starkes Unbehagen nicht los. Als Mutter von mehreren Töchtern ist man schließlich geradezu erleichtert darüber, dass diese Strategie nicht funktionieren wird. Ein bisschen Beschneidung, das ist nicht nur ethisch problematisch, es ist wohl auch eine Rechnung, die nicht aufgehen kann.