Die Eingriffe haben oft grausame Folgen, und sie sind weit verbreitet: Alle elf Sekunden wird ein Mädchen durch die sogenannte rituelle Beschneidung der weiblichen Genitalien verstümmelt. Weltweit sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 150 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten. Auch in Deutschland leben Schätzungen zufolge rund 50.000 betroffene Frauen. Spätestens seit im Jahr 1998 das aus Somalia stammende damalige Model Waris Dirie im später auch verfilmten Buch Wüstenblume über seine Leidensgeschichte berichtete, ist das Problem der Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, FGM) im öffentlichen Bewusstsein. Der 6. Februar wurde im Jahr 2004 zum Internationalen Tag gegen die FGM ausgerufen.

Und nun das: Im Journal of Medical Ethics schlagen die Gynäkologin Kavita Shah Arora aus Cleveland in Ohio und ihr New Yorker Kollege Allan Jacobs vor, liberale Gesellschaften sollten "kultursensibler" werden und zumindest kleine, eher symbolische Eingriffe tolerieren. Und sie sollten die Sprache überdenken, in der sie darüber reden. Werde etwa die Vorhaut der Klitoris nur teilweise beschnitten, so solle das nicht als Verstümmelung, sondern als "Veränderung" (Alteration) bezeichnet werden: FGA statt FGM. Dafür brauche man eine neue Kategorisierung der Eingriffe, die sich an den Ergebnissen für die Frauen orientiere.

Weniger Schaden für die Kinder?

Eingriffe an den Geschlechtsteilen von Mädchen und jungen Frauen seien keineswegs "wünschenswert", betonen die US-amerikanischen Gynäkologen. Doch sie glauben, dass eine Art "Kompromiss" den Mädchen in den besonders betroffenen Ländern Afrikas helfen könnte, ein glücklicheres Leben zu führen: "Absolutisten, die einen solchen Kompromiss ablehnen, könnten Kindern dagegen weiteren Schaden zufügen." Trotz aller politischen Bemühungen sei etwa in Ägypten der Prozentsatz der Eingriffe zwischen 2006 und 2011 nur von 77,8 Prozent auf 71,6 Prozent gesunken. Und in Somalia werden nach wie vor 81 Prozent der Mädchen bei einer Infibulation nach dem Entfernen von Klitoris und inneren Schamlippen die äußeren Schamlippen zusammengeklammert oder genäht.

Man müsse bedenken, dass "viele Kinder den Prozeduren unterworfen werden, weil ihre Eltern sie lieben und sie glücklich sehen wollen in ihrem Erwachsenenleben", argumentieren Arora und Jacobs. Kleinere, von Ärzten fachgerecht ausgeführte, aber eher symbolische Eingriffe mit angemessener Betäubung könnten unter diesen Umständen ein Weg sein, "mit dem man kulturelle Differenzen respektiert, aber zugleich die Gesundheit der Patienten schützt".

Zweifelhafte Ziele

Dass in westlichen Gesellschaften die Beschneidung der Vorhaut des Penis bei kleinen Jungen toleriert werde (und in den USA sogar lange Zeit von Kinderärzten propagiert wurde), die Haltung gegenüber jeder Form von Eingriff an den Genitalien von Mädchen aber rigoros sei, halten die Autoren für inkonsequent. Sie gestehen aber selbst zu, dass es einen gewichtigen Unterschied in der Begründung gibt. Schließlich zielen die Amputation des Kitzlers und das Zunähen der Schamlippen darauf ab, die "Reinheit" der jungen Frau sicherzustellen, Kontrolle und Lust ihres späteren Mannes aber zu erhöhen. "Wenn eine Prozedur zwar mit der Absicht erbeten wird, das sexuelle Verlangen abzutöten, dieses Ergebnis aber faktisch nicht hat, ist ein Verbot trotzdem nicht zwingend", meinen sie.

In der online erschienenen März-Nummer der Zeitschrift schlägt den beiden Gynäkologen von mehreren Kollegen heftige Kritik entgegen. Brian Earp vom Hastings Center für bioethische Forschung in New York prangert die heutige Laissez-faire-Haltung gegenüber der männlichen Beschneidung an. Sie könne kein Maßstab sein. "Kindern welchen Geschlechts auch immer sollten gesunde Teile ihrer Geschlechtsorgane nicht verletzt oder entfernt werden, bevor sie das Ziel eines solchen Eingriffs verstehen und ihm zustimmen können." In dieser Frage des Einverständnisses liege auch der entscheidende rechtliche Unterschied zu plastisch-chirurgischen Eingriffen im Intimbereich bei erwachsenen Frauen.

Eine Tradition zur Kontrolle der Frau besser ganz verlassen

Ruth Macklin vom Albert Einstein College für Medizin in New York setzt weiterhin auf hartnäckige und geduldige Versuche, die Einstellung von Familien und Gesellschaften zu Beschneidungen zu verändern. "Eine kulturelle Tradition, die das Ziel hat, Frauen zu kontrollieren, verlässt man am besten ganz – auch in ihren weniger schädlichen Ausprägungen", schreibt sie. Arianne Shahvisi, Ethikerin an der Universität von Sussex, schließlich bezweifelt, dass die eher symbolischen, später kaum sichtbaren Eingriffe einer jungen Frau überhaupt helfen können, vom Ehemann und der Familie akzeptiert zu werden.

Auch die Berliner Chirurgin Cornelia Strunz meint, das sei eine unbegründete Hoffnung. Sie ist Generalsekretärin der Desert Flower Foundation Deutschland und ärztliche Koordinatorin am Desert Flower Center des Krankenhauses Waldfriede. Dort werden Frauen behandelt, die unter schweren gesundheitlichen Folgen von Genitalverstümmelung zu leiden haben. Bei einer jungen Frau, die in der letzten Woche in ihrem Krankenhaus ihr Kind zur Welt brachte, war so etwas zwar nicht nötig: Als Mädchen war ihr "nur" die Vorhaut der Klitoris beschnitten worden. "Für sie ist es trotzdem ein traumatisches Kindheitserlebnis gewesen", sagt Strunz. Der Familie des Ehemannes war das zu wenig: Sie wurde nie akzeptiert.

"Es wird sich herumsprechen, dass die Ärzte falsch beschneiden"

"Der Vorschlag der amerikanischen Gynäkologen ist ein typisches Beispiel dafür, dass gut gemeint meistens das Gegenteil von gut ist", resümiert Roland Scherer, Chefarzt des Zentrums für Darm- und Beckenbodenchirurgie und ärztlicher Leiter des Desert Flower Center Waldfriede. "Es wird sich ja herumsprechen, dass die Ärzte 'falsch' beschneiden. Der Schutz vor einer späteren Verstümmelung wird so sicherlich nicht funktionieren." Zwar sei es ein langer und mühsamer Weg, das grausame Ritual an den Mädchen zu beenden. "Ein bisschen Verstümmelung zu erlauben, hilft dabei aber nicht weiter, im Gegenteil."

Ein Gutes dürfte der Vorstoß im Journal of Medical Ethics aber haben: Er zwingt dazu, zu einem kulturell, ethisch wie medizinisch sensiblen Thema triftige Argumente auszutauschen.