Samaya Nissanke ist eine von 1.010 Wissenschaftlern, die am Donnerstag Geschichte geschrieben haben. Die Physikerin erforscht seit 15 Jahren Gravitationswellen – Albert Einsteins letzte große und nun bestätigte Theorie. Nissanke und ihre Kollegen simulieren, wie die Dellen in der Raumzeit denn aussehen müssten, wenn zwei verschmelzende Schwarze Löcher sie erzeugen würden. Ihre Modelle haben recht behalten und nicht nur das.

ZEIT ONLINE: Wie geht es Ihnen, Frau Nissanke?

Samaya Nissanke: Ich bin aufgeregt und erschöpft. Nach so vielen Monaten der Arbeit, ohne darüber richtig reden zu dürfen, wird mir jetzt erst alles so richtig klar. Es ist einfach faszinierend, eine komplett andere Perspektive zu erleben, das Universum zu sehen: das Plätschern der Raumzeit zu messen! Sich zu fragen, was in verschmelzenden Schwarzen Löchern passiert. Das hat mich schon als Bachelorstudentin begeistert. Damals belegte ich eher zufällig einen Sommerkurs über Gravitationswellen in Princeton.

ZEIT ONLINE: Ahnten Sie, wo Sie das hinführen würde?

Nissanke: Als ich vor 15 Jahren anfing, da wusste ich, dass die nötigen Gravitationswellen-Detektoren wie LIGO gerade begannen, ihren Dienst aufzunehmen. Die große Unsicherheit war, ob die Instrumente jemals die Sensitivität erreichen würden, die theoretisch nötig ist. Aber als das Advanced LIGO im September 2015 an den Start ging, da kam die Entdeckung schneller, als ich mir das erträumt hätte. Es war ja direkt in den ersten Wochen, in denen die Messungen begannen, dass wir das große Ereignis aufgefangen haben. Es ist eine erstaunliche Entdeckung — nein, es sind mehrere erstaunliche Entdeckungen!

ZEIT ONLINE: Gleich mehrere?

Nissanke: Ja! Es ist auch das erste Mal, dass wir Schwarze Löcher direkt über eine Signatur in der Raumzeit nachweisen konnten. Was noch erstaunlicher ist: Wir können Schwarze Löcher von dieser Masse direkt vermessen. Wir wussten zwar von Röntgenstrahlen-Messungen, dass es etwa Schwarze Löcher mit bis zu 15 Sonnenmassen gibt, von denen manche einem Stern die Materie absaugen. Aber nicht solche mit mehr als 30 Sonnenmassen. Die zweite Entdeckung ist, dass Schwarze Löcher in Paaren vorkommen. Und die dritte Entdeckung, dass ein solches Paar tatsächlich verschmilzt. Das bedeutet: Sie bewegen sich aufeinander zu, weil sie ihre Bewegungsenergie in Form der Gravitationswellen erst verlieren. All das war vorher unbekannt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich denn das nun empfangene Gravitationswellensignal von den Signalen, mit denen Schwarze Löcher bisher bestimmt wurden?

Nissanke: Die Gravitationswellen kommen direkt aus dem Herzen der verschmelzenden Schwarzen Löcher. Bisher hatten wir nur Evidenz aus deren Umgebung, zum Beispiel durch die Strahlung von heißem Gas, das ein Schwarzes Loch an sich zieht und dabei weiter aufheizt. Wir sehen hier zum ersten Mal den Gravitationsabdruck eines Verschmelzungsprozesses. Wir können daraus die Massen, die Drehmomente und vieles mehr über die beteiligten Schwarzen Löcher erfahren. Seit den 1960er Jahren wissen wir, dass Schwarze Löcher ziemlich simple Objekte sein müssen, die durch ihre Drehbewegung und Masse vollständig beschrieben sind. Doch bisher konnten wir auf diese Eigenschaften nur umständlich über die Materie in ihrer Umgebung schließen. Jetzt aber können wir die zentralen Eigenschaften direkt messen.