Nuklearkatastrophe - Fukushima noch immer kontaminiert Fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Japan ist eine vollständige Dekontaminierung noch nicht absehbar. Kritiker werfen der japanischen Regierung vor, seit dem Super-GAU weitere vier Reaktoren hochgefahren zu haben.

Nachdem sich die Wassermassen der Tsunamis zurückgezogen und Fushimi Shinshi die Erdbebenschäden an seinem Haus beseitigt hatte, begann das Chaos. Medien berichteten, das Kernkraftwerk Daiichi in der Präfektur Fukushima habe eine Störung. Womöglich trete Radioaktivität aus. Es liegt nur 40 Kilometer von Shinshis Haus entfernt. 

Die Regierung in Tokio äußerte sich anfangs gar nicht. Wissenschaftler traten im Fernsehen auf und sagten, es bestehe keine Gefahr, erinnert sich der 61-Jährige. Er habe dann im Internet recherchiert, was Sievert, Radioaktivität und Kernschmelze seien.

Evakuierungszonen rund um das AKW Fukushima (Ende 2015)

Ein paar Tage nach dem Megabeben vom 11. März 2011 fuhr ein Auto durch Iitate, das Dorf, in dem Shinshi aufgewachsen ist. Am dem Auto waren allerlei ihm unbekannte Messinstrumente befestigt. Das war der Moment, als er beschloss, seinen Enkel zu Verwandten ins Landesinnere zu bringen.

Strahlen halten sich nicht an Sperrzonen

Shinshi besorgte sich einen Geigerzähler, der Werte anzeigte, 50 Mal höher als die von der Regierung veröffentlichten. Die japanische Regierung hatte nach dem GAU einen Kreis auf der Landkarte um das zerstörte AKW gezogen und eine Evakuierungszone definiert, zuerst für einen Radius von 20 Kilometern, später erweitert auf 30. Shinshis Dorf lag nicht darin.

Aber Atomstrahlung verteilt sich nicht gleichmäßig. Der Wind und Niederschlag beeinflussen, wo die radioaktiven Partikel niedergehen. Dass Iitate besonders stark vom Fallout betroffen war, wusste am Anfang niemand. Erst vier Wochen nach dem Reaktorunglück brachten die Behörden auch die Menschen von dort in Sicherheit. Die Strahlung, die dort gemessen wurde, war und ist bis heute deutlich höher als in dem 20-Kilometer-Radius. Die Region gilt heute ebenfalls als Sperrgebiet.

Nuklearkatastrophe - Zerstörung in Fukushima sorgt für Entsetzen bei Touristen Touristen sind schockiert vom Ausmaß der Verwüstung um das havarierte japanische Atomkraftwerk. Für viele ehrenamtliche Fremdenführer aus der Region ist ihre Tätigkeit indes eine Möglichkeit, ihr Trauma aufzuarbeiten.

"Das eigentliche Desaster in Fukushima war die Informationspolitik der Regierung", erzählt der Niederländer Pieter Franken. In seiner Wahlheimat Tokio wartete der heute 48-Jährige nach der Katastrophe vom 11. März vergeblich auf Informationen. Wie Millionen andere Hauptstädter fürchtete er, die Strahlung könne auch Japans Metropolregion erreichen. Er versuchte, einen Geigerzähler zu kaufen. Doch die waren schon ausverkauft.

"Es war wochenlang kaum möglich, an verlässliche Informationen zu kommen", sagt der Finanzexperte. Also tat Franken sich mit Freunden zusammen und gründete Safecast. Die Organisation sammelte Geld und brachte Menschen, die Geigerzähler hatten, dazu, ihre Messergebnisse zu teilen. Später fingen die Aktivisten an, selbst Geräte zu bauen und zu verteilen. Die Daten luden sie auf ihre Website und entwickelten so eine für alle zugängliche Karte, die bis heute unabhängige Messwerte bereitstellt. Inzwischen bauen die Aktivisten an der achten Generation ihrer Geigerzähler.

Niemand weiß, wie gefährlich die Strahlung ist

Heute sind fast 1.000 Geräte im Einsatz. Nicht nur in Japan, auch in den USA, Deutschland und selbst am 1986 havarierten ukrainischen Kraftwerk Tschernobyl messen die Aktivisten die Radioaktivität und machen die Ergebnisse allen zugänglich.

Zudem geben die Aktivisten Workshops und Informationsveranstaltungen. Ein weiteres Ziel: über die Folgen von Radioaktivität aufklären. Die Messdaten aus aller Welt sollen Menschen eine Vergleichsmöglichkeit bieten. So stellte sich etwa heraus, dass die natürliche Strahlung in Hongkong, wohin sich viele nach dem Reaktorunglück flüchteten, höher ist, als sie 2011 in Tokio war.

Wer etwa von Tokio nach Frankfurt fliegt, setzt sich einer oft mehr als 30 Mal höheren Strahlung als im Sperrgebiet von Fukushima aus – allerdings nur kurzfristig. Es ist kaum untersucht, wie sich die vielerorts in Fukushima nur leicht erhöhte Radioaktivität langfristig auswirkt. Wissenschaftler kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Frage, ob sich die Krebsrate in Fukushima nach dem Unglück erhöht hat oder erhöhen wird. Erst Ende des vergangenen Jahres ist zum ersten Mal eine Krebserkrankung eines AKW-Mitarbeiters aus Fukushima als Folge der Strahlenbelastung anerkannt worden.

Schlechte Nachrichten sind besser als keine

Die Unsicherheit über mögliche Langzeitauswirkungen seien für die meisten der Evakuierten und Geflohenen bis heute das größte Problem, sagt Ana Mosneaga von der Universität der Vereinten Nationen in Tokio. Sie hat über zwei Jahre hinweg die sozialen Folgen der Katastrophe für die Zivilbevölkerung untersucht. Inzwischen erkennt die japanische Regierung mehr als 2.000 Tote als indirekte Folge der Katastrophe an.

"Die Regierung hat deutlich an Vertrauen verloren", sagte Mosneaga. Die Menschen akzeptierten schlechte Nachrichten besser als gar keine. "Dann wissen sie wenigstens, woran sie sind." Ohne Nachrichten würden viele das Schlimmste annehmen und so kämen Gerüchte auf.

Auch gegen diese Gerüchte versucht Safecast anzukommen. Verteilt in der Sperrzone stehen heute, fünf Jahre nach dem GAU, fest installierte Geigerzähler. Sie zeigen für alle sichtbar die jeweilige Radioaktivität an. Anwohner vertrauten den Geräten aber nicht. Einige hatten stark kontaminierte Erde davorgehalten, um sie zu testen. Die angezeigte Zahl veränderte sich aber nicht, was zu wilden Spekulationen führte. Safecast fand später heraus: Die Sensoren reagieren zeitverzögert. Erst nach 30 Minuten zeigen sie den neuen Wert an.