Eine Steinplatte erinnert an die Opfer des Absturzes der Germanwings-Maschine am 24. März nahe dem französischen Alpendorf Le Vernet. © Robert Pratta/Reuters

Vor einem Jahr riss ein Copilot einen Airbus 320 der Lufthansa-Tochter Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf mit Absicht in den Abgrund. Mit Andreas Lubitz starben alle 149 Mitreisenden. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen immer deutlicher: Der Copilot litt an schweren seelischen Störungen, die er vor seinen Vorgesetzten verheimlichen konnte. Eine Therapie wegen schwerer Depression hatte Andreas Lubitz bereits 2009 während seiner Ausbildungszeit abgeschlossen (Den Stand der Ermittlungen lesen Sie hier). Nach der Behandlung wurde ihm wieder die volle Flugtauglichkeit attestiert.

Nicht nur die Anwälte der Opfer stellen die Frage, was die Fluggesellschaft hätte tun müssen, um einen solchen herbeigeführten Absturz zu verhindern. Mehr und mehr sickert durch: Andreas Lubitz litt jahrelang, auch nach der Therapie an schweren Angststörungen. Zuletzt befürchtete er, sein Augenlicht zu verlieren und damit seinen Job. Ärzte fanden nichts. Seine Furcht hatte wohl psychische Wurzeln. Am Tag des Absturzes war er krankgeschrieben. Das Attest hat er nie weitergeleitet. Stattdessen setzte er sich ins Cockpit, flog los und tötete sich und alle Menschen an Bord.

Wer hat hier versagt? Offensichtlich nicht die Technik. Sie tat genau, was der Copilot ihr eingegeben hatte. Vielleicht sollten wir, die wir regelmäßig Flugzeuge nehmen, Bus oder Bahn fahren unser Leben künftig also besser in die Hände von Maschinen statt in die von Piloten, Lokführern oder Busfahrern legen?

Ein automatisches Sicherheitssystem in einem Flugzeug ließe sich so programmieren, dass es einen Sinkflug oder eine drohende Kollision erkennt und auch gegen den Willen des Piloten steuert. Dies wird seit dem Unglück vom 24. März 2015 vielfach gefordert. Aber es hieße konkret: Nicht mehr der Mensch, sondern ein Algorithmus würde entscheiden, wie ein Transportmittel in einer gefährlichen Lage gesteuert wird.

Die Möglichkeit, automatische Vorgaben durch menschliche Eingriffe überschreiben zu können, hat sich im Luftverkehr bewährt. Das mag sich mit dem Fortschritt in der IT-Technik ändern. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es aber unverantwortlich, würden Maschinen den Menschen im Ernstfall ablösen.

Auch Maschinen sind nicht unfehlbar

Nachdenken könnte man auch über eine Steuerung von außen, etwa durch die Flugsicherung, die bei offensichtlichen Fehlverhalten im Cockpit eingreift. Aber auch dieses eigentlich naheliegende Instrument ist nicht ohne Risiken. Zum einen ist es Außenstehenden oft nicht möglich, die Gefahrenlage an Bord genau einzuschätzen. Zum anderen würde damit im Flugbereich ein Misstrauenssystem installiert, das sich seinerseits negativ auf die Flugsicherheit auswirken könnte. Auch die naheliegende Forderung, dass sich stets zwei Piloten im Cockpit aufhalten müssen, ist zumindest bei Langstreckenflügen nicht durchhaltbar.

Videografik - Die letzten Minuten der Germanwings-Maschine Flug 4U9525 stürzt am 24. März 2015 in den französischen Alpen ab. Co-Pilot Andreas Lubitz lässt das Flugzeug absichtlich abstürzen. Eine Chronologie

Eine besondere Ironie des Schicksals: Die nach den Terroranschlägen überall umgesetzte Empfehlung, die Türen zum Cockpit für Außenstehende verschlossen zu halten, erwies sich auf Flug 4U9525 der Germanwings als tödliche Falle. Auf diese Sicherheitsmaßnahme in Zukunft zu verzichten, würde das Risiko für erweiterte Suizide durch Piloten wohl senken, das von terroristischen Übergriffen aber wieder erhöhen. Nicht umsonst sind in den letzten Jahren Flugzeugentführungen oder die Übernahme von Flugzeugen durch Terroristen drastisch zurückgegangen. Das sollte man wegen eines einzelnen psychisch Kranken nicht wieder aufs Spiel setzen. Zumal nur ein kleiner Prozentsatz aller Suizide von Personen begangen werden, die vorab als depressiv diagnostiziert wurden. Von denen, die sich tatsächlich das Leben nehmen, gefährdet oder tötet ein nur verschwindend geringer Anteil  andere Menschen. 

Der Mensch muss im Fokus stehen

Maschinen sind also nicht unfehlbar, sie können versagen – wie der Mensch. Und sie sind nicht gut, nicht schlau und empathisch genug, um so etwas Komplexes wie eine psychische Erkrankung, eine Krise im Leben eines Menschen vorherzusehen oder abzuwenden. Nur andere Menschen können so etwas ahnen, vielleicht helfen, reagieren. Entsprechend sinnvoll erscheint die Forderung, die Schweigepflicht von Ärzten, etwa Psychiatern in Fällen aufzuweichen, in denen ihre Patienten – wie der Copilot von Flug 4U9525 – unmittelbar für das Leben und die Gesundheit vieler Menschen verantwortlich sind.

Natürlich sind der Schutz der Privatsphäre und das Vertrauensverhältnis von Patient und Arzt wichtige Güter. Wägt man das Schutzbedürfnis der Patienten gegen die Sicherheit vieler hundert Fluggäste ab, könnte man aber sagen: Letztere ist wichtiger. Wobei Psychiater sich schon jetzt bei drohender Gefahr über die Schweigepflicht hinwegsetzen dürfen. Die Frage ist nur, wer eine solche Gefahr wie und wann definiert.