Wie halten es die Deutschen heute mit der Liebe? Und wie sehen sie die Zukunft der Paarbeziehung? Das wollten die ZEIT, das Sozialforschungsinstitut infas und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) von mehr als 3.100 Menschen aller Altersgruppen, Einkommensklassen und Herkünfte wissen. Mit jedem Einzelnen sprachen die Forscher über ihre Sicht auf Ehe, Monogamie und Treue und fragten, was ihnen in der Partnerschaft wichtig ist. Die Ergebnisse, veranschaulicht in den folgenden Grafiken, zeichnen das Bild eines Umbruchs: In den Mittelpunkt der Paarbeziehung rückt die Selbstbestimmung des Einzelnen, zugleich scheint sich die Liebe von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. "Die Ehe als einstmals starke Norm ist in Auflösung begriffen", sagt die WZB-Chefin Jutta Allmendinger. 

Die "weiß nicht" Antworten wurden nicht in die Auswertung einbezogen

Vor allem die Frauen unterstützen den Trend zu einer "partnerschaftlichen" Form der Liebe. So nennen Soziologen eine moderne Form der Paarbeziehung, in der die Eigenverantwortlichkeit und Individualität der Beteiligten eine zentralere Rolle spielen als romantische Ideale wie Hingabe und Aufopferung für den Liebsten. "Frauen sind die Treiber der Veränderungen", sagt Jan Wetzel vom WZB, der an der Auswertung der Vermächtnisdaten mitgearbeitet hat. Als die Soziologen die Antworten von Frauen und Männern verglichen, taten sich teils erstaunliche Unterschiede auf: Während von den Männern rund die Hälfte "am liebsten die ganze Zeit mit ihrer Partnerin zusammen" wäre, wünschen sich nur 41 Prozent der Frauen, so viel Zeit mit ihrem Partner zu verbringen.

Auch bei wichtigen Lebensentscheidungen, so zeigt sich, legen die Frauen größeren Wert auf Selbstbestimmung als die Männer. 

Die Männer scheinen noch eher dem traditionellen Liebesbegriff anzuhängen, so interpretieren es die Sozialforscher vom WZB. Überhaupt ist bei den Männern eine Tendenz zum Festhalten zu beobachten – auch an der Partnerschaft: Während es den Frauen widerstrebt, eine zerbrochene Beziehung den Kindern zuliebe aufrechtzuerhalten, empfehlen dies immerhin noch 32 Prozent der Männer der nachfolgenden Generation. 


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Erstaunlich ist die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern wohl nicht: Das klassische Partnerschaftsmodell basierte auf traditionellen Rollenbegriffen, also auch auf einem Machtungleichgewicht zugunsten des Mannes. Die Frau hat allen Grund, sich entschieden davon abzuwenden. "Im Gegensatz zu den Männern sehen sie in dem moderneren, partnerschaftlichen Beziehungsmodell einen Gewinn", sagt der Sozialforscher Jan Wetzel. Falsch wäre es, das Unabhängigkeitsstreben der Frauen als generellen Widerwillen gegen die Bindung anzusehen. Beide Geschlechter erachten das Gefühl der Liebe als das höchste Gut im Leben. 

Und selbst die ewige Liebe lebt bei Frauen wie bei Männern als romantisches Ideal weiter. Nur 11 Prozent der Befragten teilen die Ansicht, dass es für jeden Lebensabschnitt einen anderen passenden Gefährten gebe. Noch weniger könnten sich damit anfreunden, Nähe und Intimität mit mehreren Partnern gleichzeitig zu teilen oder nur ein Geliebter unter vielen zu sein (Polyamorie). 

Die Daten zeichnen die Momentaufnahme eines Machtkampfes, den die Geschlechter seit Jahrzehnten ausfechten und in dem die Frauen gerade die Oberhand gewinnen. Das bedeutet freilich überhaupt nicht, dass Frauen sich nicht mehr binden wollen. Im Gegenteil: Fast alle Geschiedenen gehen heute eine neue Partnerschaft ein, viele besiegeln diese sogar mit einer erneuten Heirat – Frauen wie Männer. Um den Wert der zwischenmenschlichen Nähe scheinen die Deutschen geradezu zu bangen: Mehr als 90 Prozent meinen, es sollte nachfolgenden Generationen weiterhin sehr wichtig sein, sich jemandem nahe zu fühlen.

Mit Blick auf die Zukunft sind sich jedoch nur knapp 40 Prozent sicher, dass zwischenmenschliche Nähe diesen Stellenwert auch behalten wird.



Liebe - "Young Hearts" – ein Kurzfilm von Nadine Schrader und Julia Wilczok “Liebe ist ein Geschwür unterm Herzen, woran man nicht kitzeln kann”, sagt der 79-jährige Hans. Er hat seine Edith erst vor drei Jahren kennengelernt. Die beiden Verliebten und zwei andere Paare zeigt der Kurzfilm.