Mikro-OP-Techniken, Organtransplantationen oder die Entdeckung von defekten Genen, die zum frühzeitigen Herztod führen – Tierversuche können Menschenleben verbessern und retten, das steht außer Frage (Nature Genetics: Gerull et al., 2004). Doch abgesehen davon, dass Forscher mit ihnen bisweilen Tiere zu Tode quälen, halten die Versuche oft nicht, was sie an Sicherheit und Exaktheit versprechen.

Die große Mehrheit aller Medikamente, die an Tieren erfolgreich getestet wurden, fällt in Studien an Menschen durch. Die US-Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit FDA spricht von 92 Prozent, andere sogar von 95 Prozent (Nature Reviews Drug Discovery: Arrowsmith, 2012).

Natürlich können wir uns über die verbleibenden acht oder fünf Prozent freuen. Aber wir sollten uns auch die Frage stellen, wie viele Heilungschancen uns entgehen, weil wir vielleicht am falschen Organismus testen.

Mäuse sind keine Menschen

Man wende es genetisch, wie man wolle, der Mensch ist kein 70kg-Nager. So sagen Ratten und Mäuse nur zu 43 Prozent die Giftigkeit von Substanzen für den Menschen voraus, wie eine Studie belegt, die demnächst im International Journal of Risk Assessment and Management erscheint. Auch zu unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, bestehen offensichtlich genügend Unterschiede, um bei Versuchspersonen immer wieder schwere Nebenwirkungen hervorzurufen – zum Teil mit Todesfolge. Bekannte Beispiele sind die TGN1412-Medikamentenstudie in London und die Bial-Studie im französischen Rennes. Im zweiten Fall hatten mehrere Probanden Hirnschäden erlitten. Ein Mann starb. Ursache soll der getestete Wirkstoff selbst gewesen sein.

Und Medikamente wie Aspirin oder Paracetamol hätten wir sehr wahrscheinlich nicht, wenn sie sich am Tierversuch hätten beweisen müssen (ATLA: Hartung, 2009).

Als Goldstandard gilt der Tierversuch den Biologen und Medizinern trotzdem. Dies hat viel mit Tradition zu tun und damit, dass manche Tierversuche tatsächlich wichtige Ergebnisse erbringen. Nur haben wir heute aufgrund neuer Technologien für viele Fragestellungen tierfreie Alternativen in Aussicht.

600.000 Versuchstiere weniger – das wäre sofort möglich

Versuche mit Stammzellen (ethisch unbedenkliche, in ihren Urzustand zurückprogrammierte Zellen) und anspruchsvolle Computerprogramme gefüttert mit menschlichen Daten können die Wirkung von Chemikalien oder Medikamenten beim Menschen genauso gut oder sogar genauer voraussagen (ALTEX: Luechtefeld et al., 2016). Hunderttausende Tierversuche könnten sofort ersetzt werden. In zwei konkreten Fällen allein, beim Test zur Hautsensibilisierung (JRC Scientific and Policy Reports: Casati et al., 2013) und dem Rabbit Pyrogen Test (ALTEX: Hartung 2015), beläuft sich die Zahl auf rund 600.000 Tierleben. Trotzdem werden weiter auch solche Experimente mit Tieren gemacht.

Der Grund dafür ist kein böser Wille. Es liegt am System. So müssen in Deutschland die zuständigen Landesbehörden dem antragstellenden Forscher weitgehend in seiner Bewertung folgen, ob ein Tierversuch zu genehmigen ist. Um Ethik geht es dabei nicht. Entscheidend ist, ob der Antragstellende seinen Versuch wissenschaftlich begründen kann. Im Klartext: Ob ein Tierversuch zu genehmigen ist oder nicht, legt im Wesentlichen derjenige fest, der mit dem Experiment sein Geld verdient (Deutsches Tierschutzgesetz §8 (1), vgl. dazu Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 20.1.2014).

Dabei macht angeblich kaum ein Wissenschaftler Tierversuche gern. In jedem Fall kommen die Forscher schwer von ihnen weg. "Kritik an Tierversuchen ist Karriere-Selbstmord", heißt es, jedoch immer nur hinter vorgehaltener Hand. Die führenden Köpfe der biologischen und medizinischen Forschung, die Doktorväter, die Chefärzte, haben ihre Karrieren auf Tierversuchen aufgebaut. Sie beraten die Politik, bestimmen, wer in den Journals veröffentlichen darf, wer welche Drittmittel bekommt.

Wer umdenkt, stößt auf Widerstände

Natürlich denken auch leitende Forscher selbst um. Doch sehen sie sich ebenfalls ausgebremst. Das notwendige Geld für eine ernsthafte Forschung zu Alternativmethoden zu bekommen, so ein Universitätsprofessor im vertraulichen Gespräch, sei in Deutschland so gut wie unmöglich.

Anders sieht es in den USA aus. Jenseits des Atlantiks wurde schon 2004 von der FDA ein Systemwechsel gefordert. So startete 2012 ein Human-On-A-Chip-Projekt mit einer staatlichen Förderung von 145 Millionen Dollar (Stem Cell Research & Therapy: Sutherland et al., 2013).

Die in Deutschland zum selben Thema bereits 2010 gegründete Firma TissUse erhält bis 2018 insgesamt rund 8,5 Millionen Euro an öffentlichen Geldern. Der Unterschied überrascht wenig. Hierzulande kommt kein Politiker wesentlich über Absichtserklärungen hinaus.

Das alles bedeutet nicht, dass es eine Front gegen Tierversuche braucht. Was wir aber benötigen, ist eine ehrliche Diskussion über ihren Nutzen sowie eine neue, sinnvolle Förderstruktur. Nicht nur kaufen wir unsere Gesundheit mit massivem Leid von Tieren ein – die Forschung an unseren Medikamenten ist in einigen Fällen sogar schlechter und unpräziser, als sie sein müsste. Tierversuche sind nicht nur vielfach unnötig – häufig sind sie nicht einmal für Forscher die beste Wahl.

Für solch einen Paradigmenwechsel in der biomedizinischen Forschung, denn um nichts weniger geht es hier, ist die Zivilgesellschaft gefragt. Die Wissenschaft wird sich, trotz bester Intentionen engagierter Forscher, kaum allein aus ihren traditionell gewachsenen Zwängen befreien können. Und Politiker werden weitgehend machen, was ihnen die Wissenschaftsorganisationen sagen.