Angstmache hat weltweit Konjunktur: In Österreich ist nur mit knapper Mehrheit ein Präsidentschaftskandidat verhindert worden, der seinen Wahlkampf überwiegend auf Angst vor dem Flüchtlingsstrom nach Österreich aufgebaut hat. Dabei waren es gerade die Österreicher, die bereits in den letzten Monaten alles getan haben, um weitere Flüchtlinge von ihrem Land abzuhalten. Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump lässt keine Gelegenheit aus, Einwanderer aus Lateinamerika als unerwünscht zu brandmarken, um die verunsicherte untere Mittelschicht gegen alles Fremde aufzuhetzen. Und auch in Frankreich, den Niederlanden, Polen oder Ungarn – wer in der Bevölkerung Angst gegen Einwanderer und Flüchtlinge sät, kann derzeit mit viel Unterstützung rechnen.

Inzwischen hat diese kollektive Angst in Deutschland ebenfalls um sich gegriffen. Gleichgültig, was die AfD an politischen Aussagen sonst noch zu bieten hat, die Empörung über die angebliche Islamisierung Deutschlands und die kriminelle Neigung der bei uns Zuflucht suchenden Ausländer mobilisiert die Wähler und trifft offenkundig auf einen sensiblen Nerv.

Doch die Angstschürer nutzen nicht nur Menschen ausländischer Herkunft oder Deutsche, die mit einer Hautfarbe hierzulande in der Minderheit sind, für ihre Politik. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht öffentlich vor irgendetwas mit dem Unterton des Unheilvollen gewarnt wird. Die für diese Warnungen so aufgeschlossene Bevölkerung reagiert entsprechend mit Bedenken, Empörung und moralischer Aufrüstung. Gern wird noch der Sündenbock gesucht, der alles zu verantworten hat – Hauptsache aufregen!

Gewalt gegen Flüchtlinge - "Man muss schon aufpassen" Ein Flüchtlingsheim in Berlin-Buch war seit Baubeginn Ziel von mehr als einem Dutzend fremdenfeindlicher Übergriffe. Wie leben Personal und Bewohner mit dem Gefühl der latenten Bedrohung?

Das Leben wird immer fürchterlicher, so scheint es

Doch oft entpuppen sich die Warnungen als Falschmeldungen. Sie geistern einige Tage durchs Netz, bis eine neue vermeintliche Gefahr ihren Platz einnimmt. An Kandidaten für bedenkenauslösende öffentliche Empörung mangelt es nicht. Wöchentlich wechseln sich chemische Schadstoffe wie Glyphosat, Gewaltkriminalität, korrupte Politik, Übergriffe von Ausländern, Steuerverschwendung oder technische Risiken ab. Der Eindruck: Das Leben in Deutschland wird immer fürchterlicher.

Ein Blick in die Statistik aber zeigt: Sieht man sich die aktuelle Kriminalstatistik an, so finden sich bei schweren Straftaten kein einziger Hinweis auf eine Überrepräsentanz von Ausländern; erst recht nicht von Flüchtlingen. Auch nicht bei Vergewaltigungen. Was noch mehr auffällt: Gerade die angstauslösenden Verbrechen wie Körperverletzungen, Mord oder Totschlag gehen in Deutschland kontinuierlich zurück. Verglichen mit anderen Ländern leben wir geradezu in einem Musterland, was öffentliche Sicherheit betrifft. Natürlich gibt es auch negative Entwicklungen. So nimmt die Zahl der Wohnungseinbrüche ständig zu, sie hat aber den bisherigen Höchststand von Mitte der 1990 Jahre immer noch nicht erreicht. Auch damals ist Deutschland nicht im Verbrechenssumpf untergegangen. 

Heute basiert Wissen auf Kommunikation statt Erfahrung

Wieso kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen der wirklichen Sicherheitslage und deren Wahrnehmung? Dies hat im Wesentlichen drei Ursachen:

Vor 100 Jahren waren rund 70 bis 80 Prozent unseres Wissens durch persönliche Erfahrung bestimmt. Unsere Großeltern wussten, welche Gefahren etwa im bäuerlichen Alltag durch Lebensmittelvergiftung, unsachgemäße Kleidung oder technische Unfälle – etwa der berüchtigten Sense – zu erwarten waren. In der heutigen Welt basieren dagegen 70 bis 80 Prozent unseres Wissens nicht mehr auf Erfahrung, sondern auf Kommunikation (vgl. Daniel Bell: The Coming of the Post-Industrial Society). Ob das Ozonloch wirklich so ausgedünnt ist, wie es Experten vorrechnen, ob es gefährliche Prionen im Rindfleisch gibt, ob ionisierende Strahlen in der Luft liegen, ob die Schwerkriminalität in Deutschland zugenommen hat oder ob Flüchtlinge überwiegend "Grabscher" sind, kann so gut wie niemand aus eigener Erfahrung beantworten. Gleichzeitig findet sich zu jedem Beispiel schnell jemand, der eine Erfahrung gemacht hat und diese bereitwillig öffentlich teilt.

Gefahren erleben wir vermittelt über Medien und andere Formen der Kommunikation, häufig in digitalen sozialen Netzwerken. Das macht uns zunächst misstrauisch, weil wir auf andere angewiesen sind, von denen unbekannt ist, ob wir Ihnen trauen können oder ob sie überhaupt kompetent sind, diese Gefahren richtig einzuschätzen. Gleichzeitig haben wir oft erlebt, dass sich viele angeblich gesicherte Erkenntnisse als falsch oder zumindest nicht ganz richtig herausgestellt haben. So bleibt es bei dem Gefühl der Verunsicherung.

Aus der Psychologie ist bekannt, dass Angstgefühle vor allem mit Ungewissheit verbunden sind, während das Erlebnis eines konkreten Schadens eher Widerstandskräfte hervorruft (Psychological Review: Hirsch & Mar & Peterson, 2012). Unsichere Bedrohungen – etwa ein verdächtiges Geräusch in einem dunklen Wald – lassen den Adrenalinspiegel oft stärker ansteigen (Nature: Grupe & Nitschke, 2013), als wenn ein Mensch den Grund der Bedrohung konkret vor sich hat, etwa ein Wildschwein. Je weniger sich die Gefahr einschätzen lässt, desto mächtiger wirkt in uns das Gefühl von Angst und Ausgeliefertsein. Von daher ist es folgerichtig, dass Menschen am meisten Angst vor Flüchtlingen oder Ausländern in den Regionen haben, wo es so gut wie keine gibt. Ihnen fehlt die konkrete Erfahrung.