Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es absehbar möglich, Pflanzen, Tiere und nicht zuletzt menschliches Leben von Grund auf sicher und einfach zu manipulieren. Das Werkzeug dazu heißt Crispr/Cas9. Es ermöglicht Forschern, am Erbgut herumzubasteln – weit effektiver als mit bisherigen Gentechnikverfahren. Die entscheidende Frage ist: Wollen wir das?

Am Mittwoch hat der Ethikrat Möglichkeiten und Risiken des neuen Verfahrens diskutiert. Sigrid Graumann, Prorektorin an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, ist Mitglied im Ethikrat und war dabei.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Crispr von herkömmlicher Gentechnik?

Sigrid Graumann: Das Verfahren ist, verglichen mit bisherigen Möglichkeiten, viel einfacher und effektiver. Warum, zeigt sich im Vergleich mit den bisher eingesetzten Methoden: Zunächst haben Forscher Zellen bestrahlt oder Chemikalien ausgesetzt, damit sie zufällig mutieren. Dann haben sie die gewünschten Mutationen herausgesucht und damit weitergearbeitet. Oder sie nutzten Viren als Transportvehikel, um ausgewählte genetische Informationen in eine Zelle zu schleusen. Das Problem dabei war die Ungenauigkeit: Mit den Verfahren ließen sich Gene nicht wirklich gezielt ins Erbgut von beispielsweise Pflanzenkeimlingen oder Embryonen einbauen, vielmehr hoffte man auf einen Treffer, während man gleichzeitig zahlreiche Nebeneffekte in Kauf nahm. Es war die Methode Versuch und Irrtum.

Mit Crispr/Cas9 hingegen lassen sich Gene relativ präzise entfernen und einbauen – theoretisch auch an menschlichen Embryonen.

ZEIT ONLINE: Klingt gut: sicherer, schneller, günstiger. Warum die Aufregung?

Graumann: Weil es wie bei allen biologischen Systemen ist: Auch bei Crispr lassen sich unerwünschte Nebeneffekte nicht völlig ausschließen. Es kann nicht garantiert werden, dass es an der richtigen Stelle zur geplanten Veränderung kommt. Es kann auch passieren, dass die Genregulation beschädigt wird. So kann in Körperzellen Krebs entstehen und die Entwicklung von Embryonen gestört werden. Solch ein Risiko einzugehen, ist für menschliche Embryonen einfach nicht vertretbar. Das lässt sich bei Mäusen für Tierversuche machen. Wenn die Tiere sich nicht entwickeln wie gewünscht, wird halt nicht mit ihnen weitergezüchtet.

ZEIT ONLINE: Tierschützer sehen das sicher anders.

Graumann: Selbstverständlich, aber das ist ein anderes Thema. Trotzdem sollte man auch an der Stelle ehrlich sein. Für Krankheitsmodelle oder Medikamentenstudien züchten Forscher gezielt kranke Tiere, um ihre Versuche durchführen zu können. Der einzige Lebenszweck dieser Züchtungen ist es, als Testobjekt zu funktionieren.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihre Prognose: Wird Crispr die Zahl der verbrauchten Tiere verringern, weil man nicht mehr so viele Mäuse braucht, um die gewünschte Züchtung zu erhalten?

Graumann: Definitiv würden Forscher schneller zum Ziel kommen und damit auch weniger Tiere nutzen. Aber Crispr hat auch neue Forschungsmöglichkeiten geschaffen. Zahlen zu nennen ist also schwierig. Es geht mehr um eine grundsätzliche Frage: Wollen wir das oder wollen wir das nicht? Viele Leute haben Bauchschmerzen, Lebewesen nur für die Forschung zu erzeugen, auch wenn die Forschung letztlich Menschen dienen soll. Und auch das sollte ernst genommen werden.

ZEIT ONLINE: Optimierte Tiere für Experimente sind nur ein Anwendungsgebiet von Crispr. Den Ideen scheinen kaum Grenzen gesetzt…

Graumann: Das stimmt! Man kann sich vorstellen, Nutztiere so zu verändern, dass sie für den Menschen nützliche, angeblich gesündere und sogar pharmazeutische Produkte herstellen. Kühe etwa, die Milch mit Medikamenten erzeugen. Pflanzen, die mit Vitaminen angereichert sind. Auch wird diskutiert, das Immunsystem von Schweinen zu manipulieren, sodass sie sich als Organlieferanten eignen. Viele der Ideen sind im Frühstadium, aber es gibt Forschung, die sich in die Richtung bewegt.