Ein Gehirn von der Größe einer Orange, begrenzter Wuchs, zierlicher Körperbau: Homo floresiensis von der indonesischen Insel Flores ist ein Sonderling in der Menschenfamilie. Seit der ersten Beschreibung des Vorzeitliliputs vor mehr als zehn Jahren (Nature: Brown et al., 2004) haben die Kleinen große Fragen aufgeworfen: Gehören die Skelettüberreste zu einer neuen Menschenart oder handelt es sich um die versteinerten Knochen deformierter Homo sapiens? Falls sie zu einer anderen Art gehören, wo liegt dann deren evolutionärer Ursprung? Und warum unterscheiden sie sich so stark von anderen Homininen, also allen Mitgliedern der Gattung Homo und deren ausgestorbenen Verwandten?

"Die meistgenannte Antwort: Wir brauchen mehr Überreste von Flores, vor allem von anderen Fundorten und aus früheren Zeiten", kommentierte die Paläobiologin Aida Gómez-Robles von der George Washington University (Nature: Gómez, 2016). Nun liegen diese lang erwarteten Fossilien vor, zumindest in Einzelteilen.

Leben fernab der Hobbithöhle

Entdeckt hat sie ein Teamum Yousuke Kaifu vom japanischen Nationalmuseum der Naturwissenschaften und Adam Brumm von der Griffith University in Australien. Auf der Ausgrabungsstelle Mata Menge in Indonesien stießen sie unter anderem auf das Fragment eines Unterkieferknochens, mehrere Zähne von mindestens drei Erwachsenen sowie zwei Milchzähne und den Teil eines Schädels. Das Besondere: Der Fundort liegt rund 75 Kilometer von der Hobbithöhle in Liang Bua entfernt, wo Forscher 2003 die ersten Überreste entdeckt hatten – und die Fundstücke beider Orte ähneln sich zwar stark, unterscheiden sich jedoch zugleich bedeutend.

Die Datierung zeigt etwa, dass enge Verwandte des Homo floresiensis schon vor 700.000 Jahren auf der Insel Flores gelebt haben. Aufgrund von Größe und Alter der Fossilien gehen Brumm und Kaifu zudem davon aus, dass Homo floresiensis ein kleinwüchsiger Nachfahre des asiatischen Homo erectus ist (Nature: Brumm et al., 2016 & Kaifu et al., 2016). Kaifu und Kollegen hatten die Funde von 2014 mit den Daten anderer ausgestorbener Menschenarten sowie mit denen des modernen Menschen Homo sapiens verglichen.

Seit die etwa 60.000 bis 100.000 Jahre alten versteinerten Skelettteile des Vorzeitliliputs in der Höhle von Liang Bua gefunden wurden, streiten Experten darüber, ob es sich um einen krankhaft veränderten Homo sapiens oder eine eigene Menschenart handelt. In diesem Punkt gibt es nun Gewissheit.

Kein modernder Mensch mit Fehlbildung

"Diese neue Studie belegt eindeutig, dass es sich beim 'Hobbit' nicht um einen modernen Menschen mit einer Fehlbildung handeln kann. Denn den Homo sapiens gab es vor 700.000 Jahren noch gar nicht", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er selbst war an der Studie nicht beteiligt.

Doch wo kamen die Zwergmenschen her? Es gibt zwei gängige Theorien. Nach der ersten entwickelte sich Homo floresiensis aus Homo erectus. Nach der zweiten stammt er von Homo habilis ab oder sogar von den Australopethicinen. Letzteres würde bedeuten, dass sehr primitive Homininen Afrika vor zwei Millionen Jahren verlassen haben. Dafür aber gibt es bislang keinerlei Belege.

Hublin ist überzeugt: Die aktuelle Nature-Publikation zeige, dass die Flores-Menschen sich in relativ kurzer Zeit vom durchschnittlich 1,65 Meter großen Homo erectus zu Zwergen entwickelt haben. Doch erst mit weiteren Funden könne geklärt werden, ob der Zwergenmensch in den etwa 600.000 Jahren zwischen den nun entdeckten Ahnen und ihrem zuvor gefundenen Verwandten in seiner Gestalt weitestgehend unverändert blieb. "Erstaunlich ist, dass sich diese Entwicklung offenbar in einem sehr kurzen Zeitraum abgespielt hat." Der Grund liege vermutlich in der isolierten Lebensweise auf der Insel.

Auch Gómez-Robles hält den Wandel vom erectus zum floresiensis binnen weniger Jahrtausende für möglich. Man müsse dafür bloß einen Blick in andere Bereiche der Biologie werfen. "Einige Säugetiere liefern Hinweise für ein weit stärkeres Schrumpfen in kürzerer Zeit", schreibt sie. Auf Sizilien und Malta gab es beispielsweise mal Elefanten mit einer maximalen Schulterhöhe von 100 Zentimetern. Weniger als 5.000 Jahre hatten die Vorfahren dieser Tiere wohl gebraucht, um vom Riesen zum Zwerg zu werden. Allerdings fehle es derzeit an Fossilien, um die Schrumpfthese weiter zu stärken.

Es mag also gesichert sein, dass Homo floresiensis eine eigene Art war. "Über seinen evolutionären Ursprung aber werden wir wohl noch länger debattieren", schreibt Gómez-Robles.