"Immer mehr Tierversuche" – mit diesem Titel überschreibt die Grünen-Bundestagsfraktion eine Pressemitteilung auf ihrer Website. Dort heißt es: "Die Nutzung von Gentechnik führt zu einem erheblichen Anstieg der Tierversuche. Das ergibt sich aus einer (...) Studie des Instituts für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech)". Ganz so stimmt das allerdings nicht. 

Die Gesamtzahl von Tierversuchen nimmt ab

Tatsächlich nimmt die Zahl der Tierversuche in Deutschland seit 2013 leicht ab, wie Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft belegen. Bis zum Jahr 2012 war sie kontinuierlich angestiegen auf rund 3,1 Millionen pro Jahr. 2013 sank die Zahl auf etwas unter drei Millionen, 2014 waren es noch rund 2,8 Millionen.

Die Grünen betrachten in ihrer Pressemitteilung allerdings nur Zahlen bis zum Jahr 2013. Auch die Auswertung von Testbiotech (hier als PDF) gibt keine neueren Zahlen an.

Richtig ist: Die Anzahl der Tiere – etwa Ratten und Mäuse –, die für Experimente genetisch verändert werden, steigt im Verhältnis zur Gesamtzahl der Versuchstiere. Nach Informationen der Grünen habe sie sich zwischen 2004 und 2013 fast verdreifacht.

Unter anderem liegt dieser Anstieg an neuen Technologien wie Crispr (einen Schwerpunkt dazu finden Sie hier), durch die sich Gene aller Lebewesen – ob Mensch oder Pflanze – präzise ändern lassen. Ärzte hoffen, mithilfe solcher Gen-Scheren eines Tages Krankheiten wie Aids oder Krebs heilen und Erbkrankheiten verhindern zu können. Entsprechend expandiert dieser Forschungsbereich auch in Deutschland.

Das Prinzip solcher Gen-Scheren erklärt dieses Video:

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Dass Tierversuche mit nicht genveränderten Tieren derzeit weniger werden, bestätigte auch Christoph Then gegenüber ZEIT ONLINE. Der Veterinärmediziner und Direktor des Vereins Testbiotech hatte die Daten im Auftrag der Grünen bereitgestellt. "Uns ist es wichtig, auch die Interessen der Industrie im Zusammenhang mit der Gentechnik transparent zu machen", sagte Then, der früher unter anderem bei Greenpeace aktiv war.

Seinen Daten zufolge wurden 2013 allein 947.019 gentechnisch veränderte Tiere, vornehmlich Mäuse und Ratten, für Versuche eingesetzt. Das entspreche fast einem Drittel aller Versuchstiere in Deutschland.  

Der massive Anstieg an Tierversuchen im Bereich der Gentechnik sei nicht hinnehmbar, sagte Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutz- und Verbraucherpolitik der Grünen im Bundestag. "Gerade wenn der medizinische Nutzen äußerst fragwürdig ist oder sich Versuche bereits als nicht erfolgreich herausgestellt haben, dürfen nicht weiter Tiere gequält werden." Die Zunahme der Zahl der Gentechnikexperimente widerspreche dem Ziel der Bundesregierung und der EU-Kommission, Tierversuche zu reduzieren und durch andere Forschungsmethoden zu ersetzen. Allerdings erwähnte sie nicht, dass die Gesamtzahl abnimmt – wenn auch nur leicht. 

Sterben zum Wohl des Menschen

Die Zahl der Versuchstiere in deutschen Laboren ist im letzten Jahrzehnt stark angestiegen. Seit 2013 wurden weniger Tiere verbraucht als im Vorjahr. Im Jahr 2014 waren es insgesamt knapp 2,8 Millionen.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, sagte: "Ergebnisse, die mithilfe genmanipulierter Tiere gewonnen wurden, lassen sich meist nicht auf den Menschen übertragen und sind damit unbrauchbar." Die gentechnisch veränderten Tiere seien kaum lebensfähig, verkrüppelt oder schwer krank.

Anmerkung der Redaktion: Die Meldung wurde zur Einordnung stark überarbeitet und ergänzt.