ZEIT ONLINE: "Immer noch sterben Menschen an den Folgen des 11. Septembers 2001", schreiben US-Medien. Anlass ist der 15. Jahrestag der Anschläge. Mehr als 5.000 New Yorker, die den von Asbest durchsetzten Staub einatmeten, der sich durch den Einsturz Türme des World Trade Center über Manhattan legte, seien dadurch bis jetzt an Krebs erkrankt, schrieb die Newsweek. Allein im Nordturm seien 400 Tonnen krebserregendes Asbest enthaltengewesen.Wozu diente das eigentlich?

Hans-Joachim Woitowitz: Blauasbest galt in der Zeit, in der das World Trade Center, andere Wolkenkratzer New Yorks und vergleichbare kleinere Hochhäuser in Deutschland gebaut wurden, als bester Flammenschutz. Solche Gebäude wurden damit beschichtet. Beim Einsturz der Türme des World Trade Center, dem damals höchsten Haus der westlichen Welt, sind dessen Baustoffe schlagartig frei geworden. Das betraf nicht nur Asbest, sondern auch Quarzpartikel im Zement, die Lungenkrebs verursachen können. Es gibt gezielte Untersuchungen darüber, woraus sich der Staub nach den Anschlägen zusammengesetzt hat.

ZEIT ONLINE: Wie sicher ist es, dass die Krebskranken, von denen jetzt die Rede ist, wirklich in Folge einer Asbestbelastung erkrankt sind?

Hans-Joachim Woitowitz ist Arbeitsmediziner. Bis 2004 leitete er das Institut und die Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin in Gießen. Er setzt sich für Arbeiter ein, die infolge von Asbest erkrankt sind. © Woitowitz

Woitowitz: Selbst wenn der Staub über Manhattan nur aus Asbestpartikeln bestanden hätte, wären erste Krebsfälle dadurch – nach allem, was wir wissen – frühestens nach 20 oder erst nach 30 oder 40 Jahren zu erwarten. Was Asbest anrichtet, zeigt sich also erst nach Jahrzehnten. Allerdings lassen sich die Erfahrungen, die wir in Deutschland mit Asbestfolgen haben, nicht ohne Weiteres auf New York übertragen. In unserer Poliklinik für Berufskrankheiten erinnere ich mich an keine Erkrankung mit der Diagnose Lungenkrebs, die bereits nach 15 Jahren auf die erstmalige Asbestgefährdung zurückgeführt werden konnte.

ZEIT ONLINE: In einer Langzeituntersuchung wurde unter den Feuerwehrleuten, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center im Einsatz waren, etwas häufiger Schilddrüsen- und Prostatakrebs diagnostiziert als bei ihren Kollegen (American Journal of Industrial Medicine: Moir et al., 2016). Hat das wirklich nichts mit dem Asbest zu tun?

Woitowitz: Der Unterschied war nicht signifikant. Und der Zusammenhang zwischen Asbest und diesen Krebsarten konnte bisher wissenschaftlich nicht belegt werden. Er erscheint mir auch wenig wahrscheinlich. Denn die Asbestfasern wandern bevorzugt in die Atemwege und das Rippen- oder Bauchfell. Dort verursachen sie hauptsächlich zwei Arten von Tumoren: Lungenkrebs und das Mesotheliom, eine Form von Rippenfell- oder auch Bauchfellkrebs. Obwohl von allen krebserregenden Stoffen am Arbeitsplatz Asbest als gefährlichster gilt, ist es nicht auszuschließen, dass weitere Krebs erzeugende Stoffe während der Anschläge in die Luft gelangt sind und weitere Erkrankungen begünstigt haben. Weil es am Ground Zero auch brannte, kam Rauch hinzu: ein weiterer Risikofaktor, dem die Menschen ausgesetzt waren.

ZEIT ONLINE: Wie kann man unterscheiden, ob Menschen infolge der Asbestbelastung erkrankt sind oder doch andere Faktoren schuld sind?

Woitowitz: Asbest löst ziemlich spezifisch nur bestimmte Tumorarten aus. Außerdem ist parallel mit einer Vernarbung des Lungengewebes zu rechnen. Solche Veränderungen bezeichnet man als Asbestlungenfibrose oder Asbestose. Sie wären ein eindeutiger Hinweis. Wenn die erkrankte Person zuvor einer hohen Asbestkonzentration ausgesetzt war, würde das am ehesten auf einen Zusammenhang hinweisen.

ZEIT ONLINE: Das Asbest, das bei der Explosion frei wurde, war in den Hochhäusern verbaut. Wieso stellte es da noch keine Gefahr dar?

Woitowitz: Vorschriftsmäßig verbauter Asbest ist nicht unbedingt ein Problem. Zum Risiko wird er erst, wenn Fasern an die Luft gelangen und eingeatmet werden. Durch die Explosion kam es zu einer starken Freisetzung dieser Fasern und damit stieg auch die Gefahr, es einzuatmen.

ZEIT ONLINE: Was bewirkt Asbest im Körper?

Woitowitz: Die Fasern sind meist mikroskopisch klein, man bemerkt sie gar nicht. Zunächst schlagen sie sich auf die Atemwege nieder, gelangen aber auch bis in die Lungenbläschen. Dort werden sie als Fremdkörper erkannt und von bestimmten Abwehrzellen angegriffen. Da sie die Fasern nicht vernichten können, sterben sie ab. Die Zellreste lagern sich an die Asbestfasern. Es bilden sich Asbestkörperchen. Fasern, die so eingekapselt werden, können ihre schädliche Wirkung nicht so stark entfalten. Problematischer sind Fasern, die nicht umschlossen werden. Sie sind in der Lunge verteilt und können dort zu narbenartigen Zellveränderungen führen und als weitere Folge zu Krebs. Wie groß das Risiko ist, an einem Tumor zu erkranken, hängt auch davon ab, wie viele Asbestfasern eingeatmet wurden.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sagten, dass Krebsfälle durch Asbest erst viel später auftreten, 20 bis 40 Jahre nach der Exposition. Erklärt das nicht, wieso Wissenschaftler noch keinen signifikanten Unterschied zwischen den Feuerwehrleuten am Ground Zero und ihren Kollegen feststellen konnten?

Woitowitz: Durchaus möglich. Aber das müssen gezielte Langzeituntersuchungen zeigen. Diejenigen, die wirklich dadurch krank werden, müssen unbedingt unterstützt werden. Daran mangelt es bis heute übrigens auch hierzulande.

ZEIT ONLINE: Besteht in Deutschland noch Gefahr durch Asbest, es ist doch seit 1993 verboten?

Woitowitz: Eindeutig ja. Verboten heißt ja nicht, dass es nicht mehr vorkommt. Das Problem haben inzwischen eher ältere Menschen, die früher ungeschützt mit Asbest gearbeitet haben. Etwa unsere Dachdecker: Die haben mit 15 Jahren ihre Lehre angefangen, in einer Zeit, in der besonders Asbestzementprodukte noch überall als Baustoffe eingesetzt wurden. Bei ihrer Arbeit haben sie meist völlig ungeschützt Unmengen an Staub eingeatmet und damit unzählige Asbestfasern. Jetzt bekommen sie mit 50 oder 60 Jahren nicht selten Lungenkrebs, wesentlich mitverursacht durch die eingeatmeten Asbestfasern. Ich bemühe mich schon ein halbes Leben darum, dass diese Menschen die vorgesehenen Entschädigungen erhalten. Doch diejenigen, die damals für den fehlenden Arbeitsschutz verantwortlich waren, versuchen immer wieder, solche Zahlungen zu umgehen.

ZEIT ONLINE: Gibt es viele solcher Fälle?

Woitowitz: In Deutschland wurden im Jahr 2014 nicht weniger als 4.300 Erkrankungen an Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs angezeigt, die durch Asbest verursacht wurden. Als Berufskrankheit wurden davon knapp 800 anerkannt. Ich hoffe in New York wird es anders laufen. Wenn es so weit kommen sollte.