Wo einst der dichte Amazonasregenwald unzähligen Tieren ein Zuhause geboten hat, stehen heute in vielen Gebieten Palmöl- und Sojaplantagen. In Europa und Nordamerika sind die Mischwälder riesigen Städten und Straßennetzen gewichen. Ein Forscherteam aus den USA, Kanada und Australien hat nun ausgerechnet, dass die Erde seit den frühen neunziger Jahren ein Zehntel ihrer Wildnis verloren hat (Current Biology: Watson et al., 2016). Demnach sind seitdem gut 3 Millionen Quadratkilometer wilde Landareale verschwunden. Das entspricht einer Fläche doppelt so groß wie Alaska.

Die Studie erscheint passend zur Weltnaturschutzkonferenz, die am Samstag in Honolulu endet. Dort diskutieren seit Anfang September insgesamt 8.300 Teilnehmer aus über 190 Ländern, wie die Weltgemeinschaft besser zusammenarbeiten kann, um Artensterben und Umweltzerstörung zu verhindern.

Dass eine solche Zusammenarbeit dringend nötig ist, wollen die Wissenschaftler um den Umweltforscher James Watson mit ihrer Untersuchung herausstellen. 30 Millionen Quadratkilometer Wildnis bleiben ihren Berechnungen zufolge jetzt noch übrig. Das sind etwa 23 Prozent der gesamten Landfläche unserer Erde. Den Rest hat der Mensch bebaut, bestellt oder anderweitig verändert.

Die meiste Wildnis ging in Afrika mit 14 Prozent verloren sowie in Südamerika mit 30 Prozent. Am schlimmsten ist das Amazonasgebiet betroffen, wie eine Karte zeigt (hier zu sehen), in der Watson und seine Kollegen die verlorenen sowie die verbleibenden Wildnisgebiete gekennzeichnet haben. 

Zivilisation hat in echter Wildnis nichts zu suchen

Als echte Wildnis werteten die Forscher nur Gebiete, die noch völlig unbeeinflusst vom Menschen sind. Dazu zählten Watson und sein Team ausschließlich Gebiete, in denen nur einzelne oder gar keine Menschen leben, abgesehen von indigenen Völkern. Auch Städte, Straßen und Ackerbau kosteten eine Landschaft ihren Wildnisstatus. Selbst Windräder disqualifizierten ein Gebiet als wild. Die Arktis und die Weltmeere schlossen die Wissenschaftler komplett von ihrer Analyse aus.

Für ihre Berechnungen nutzten sie unter anderem Messungen von Satelliten, geografische Daten und Angaben zur Bevölkerungsdichte seit 1992. Die Methode als solche ist nicht neu. Sie wurde schon 2002 in einer anderen Studie entwickelt (Bioscience: Sanderson et al., 2016).

An vielen Orten ist der Einfluss des Menschen kaum rückgängig zu machen. "Ein abgeholzter Regenwald etwa, kann sich nur schwer wieder erholen, da der größte Teil der Nährstoffe in der lebenden Biomasse gebunden ist", sagt der Biologe Reinhard Klenke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.