Jetzt ist Schluss. Rosetta, Europas wichtigste Weltraumsonde, geht in den Ruhestand. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Zielkometen Tschurjumow-Gerassimenko erreicht – nach mehr als zehn Jahren Dienstreise durch das All – und fortan seine Aktivität, Form und Oberfläche vermessen. Gegen Mittag soll sie dort aufsetzen und mit ihm in die Weiten des Alls entschwinden. Das war's dann.

Man möchte fragen: Ernsthaft, schon vorbei? Keine europäische Mission war so teuer, keine so aufwändig, überraschende Erkenntnisse aber gab es bislang kaum. Was also hat Rosetta der Menschheit gebracht? Wissen Forscher nun, wo wie Leben entstanden ist – das sollte sie doch auch herausfinden? Und was wird bleiben, außer die Erinnerung an den Nervenkitzel der ersten Landung auf einem Kometen? Ziehen wir Bilanz:

Niemand navigiert so punktgenau wie das Rosetta-Team


Zehn Jahre, fünf Monate und vier Tage hat die 6,4 Milliarden Kilometer lange Anreise gedauert. Viermal musste die im März 2004 auf der Spitze einer Ariane-Rakete gestartete Rosetta-Sonde die Sonne umkreisen, dreimal hat sie sich von der Erde und einmal vom Mars zusätzlichen Schwung geholt und ist quer durch den Asteroidengürtel weit aus dem inneren Sonnensystem hinausgeflogen. Die Meisterleistung: Nach einer zweieinhalbjährigen Tiefschlafphase in eisiger Dunkelheit hat Rosetta ihr Ziel punktgenau getroffen.

Rosettas Reise vom Start 2004 bis zum letzten Aufsetzen zwölf Jahre später © ESA

Doch das ist längst nicht alles. Anschließend steuerte das Team seine Sonde in ständig wechselnden Orbits sicher um den Kometen, nur um später bei der Sonnenumrundung Tschuris Staubgasfontänen und seinem schnell wachsenden Schweif auszuweichen. Dabei durfte sich Rosettas Startracker bei der selbstständigen Orientierung im Weltraum nie von Staubpartikeln irritieren lassen, die wie Sterne im Sonnenlicht funkeln. Als Orientierungspunkte waren die exakten Standorte von über 1.000 Sternen schon vor dem Abflug im Bordcomputer gespeichert worden.

Die Manöver gelangen, obwohl das Signal bis zu 40 Minuten verzögert ankommt. Sie liefen sogar so gut, dass alle 21 wissenschaftlichen Instrumente an Bord von Rosetta und Philae funktionierten. Eine kaum beherrschbare Menge an Daten war die Folge, erst ein winziger Bruchteil ist ausgewertet.

Die wichtigste Erkenntnis: Kometen sind vielfältig

Schweifsterne sind die schillerndste Truppe unter den Himmelskörpern, jeder ist anders und manchmal sogar sich selber fremd. Sie wandeln sich stetig. Sechs Kometen hatten irdische Sonden schon vor der Rosetta-Mission im rasend schnellen Vorbeiflug beobachtet und waren auf eine verblüffende Vielfalt an Formen, Stoffen und Eruptionen gestoßen.

Tschuri erwies sich als würdige Fortsetzung dieser Reihe. Schon seine entenförmige Gestalt mit einem großen, unten ziemlich flachen Körper und einem geneigten Kopf auf dünnem Hals unterscheidet sich stark von der pockennarbigen Kartoffel, mit der die Wissenschaftler eigentlich gerechnet hatten. Inzwischen wissen sie: Hier sind vor Milliarden Jahren zwei Kometenkerne miteinander verschmolzen. Die größte Überraschung war jedoch die Vielfalt seiner Landschaften – Krater, Steilküsten, Felsbrocken.

Ohne die Kamera wäre das meiste unentdeckt geblieben

Messdaten aus dem Massenspektrometer oder die Bestimmung der Aufschlagsgeschwindigkeit von Staubteilchen bergen wertvolle Informationen für Kometenforscher. Doch selbst die Chemiker unter ihnen gestehen freimütig: Am eindrucksvollsten sind die Aufnahmen der hochauflösenden Osiris-Kamera an Bord der Rosetta-Sonde. 70.000 Fotos hat sie mit Tele- oder Weitwinkelobjektiv geschossen und zur Erde gefunkt.

Was die Forscher auf den Fotos so scharf zu erkennen meinen, kann allerdings trügen. Sie sehen beispielsweise eine Steilküste, ein blubberndes Geysirfeld oder einen Felsbrocken – aber das sind nur irdische Analogien. Tatsächlich ist Tschuri ganz anders. Was als Fels erscheint, ist eigentlich federleicht, scheinbare Krater sind Eruptionstrichter und scharfe Kanten können weich sein wie Watte. Wirklich verstehen können Forscher die Fotos nur in Verbindung mit den abstrakten Messdaten der anderen 20 wissenschaftlichen Instrumente. Und diese Arbeit hat gerade erst begonnen.

Die erwartbarste Erkenntnis: Urspung irdischen Lebens bleibt unklar

Wann und wo haben sich Aminosäuren, die ersten Bausteine des Lebens, gebildet? Ein sogenannter Chiralitätstest sollte zur Klärung dieser Frage beitragen. Doch weil der Roboter Philae am Ende der holperigen Landung unglücklich auf die Seite gekippt war, konnte der Bohrer keine Bodenprobe in das Laboröfchen transportieren. Der Chiralitätstest fiel aus.

Er hätte die Händigkeit organischer Moleküle bestimmt. Auf der Erde bestehen Eiweiße ausschließlich aus der links gedrehten Form, sogenannten L-Aminosäuren. Umgekehrt ist es bei Kohlenhydraten und der DNA aller Lebewesen. Sie nutzen ausschließlich D-Zucker. Wie ist es zu diesen Asymmetrien gekommen? Ist das auf der Erde geschehen?

Chiralitätsmessungen an Meteoritenbruchstücken, die auf der Erde gefunden wurden, deuten darauf hin, dass sich das Ungleichgewicht schon lange vorher im interstellaren Raum entwickelt hat. Direkt konnte die Chiralität bisher allerdings noch nie außerhalb der Erdatmosphäre gemessen werden, das Experiment auf Tschuri wäre eine Premiere gewesen.

Das Adrenalin hält uns alle wach.
Brigitte Pätz, Physikingenieurin

Sicher ist: Ohne Wasser und Aminosäuren kann kein Leben entstehen. Beides gibt es auf Kometen, das war auch schon vor der Rosetta-Mission bekannt. Neu entdeckt wurde auf Tschuri Glycin, die einfachste eiweißbildende Aminosäure. Tschuris Wasser unterscheidet sich in der chemischen Zusammensetzung allerdings deutlich vom irdischen. Kometen seiner Art scheiden deshalb als Quelle der Ozeanbildung auf der sich langsam abkühlenden jungen Erde aus.

In zwölf Jahren war nichts so aufgregend wie die Landung

"Das Adrenalin hält uns alle wach." Eher beiläufig am Ende einer langen Nachtschicht hatte Physikingenieurin Brigitte Pätz dies gesagt. Es wurde im November 2014 zum Motto eines mehrtägigen Festivals der Kometenforschung. Stundenlang hatten Pätz und ihre Kollegen das langsame Absinken des dreibeinigen Landegeräts Philae vor den Bildschirmen im Kölner Kontrollraum unter der Beobachtung von Journalisten verfolgt. Ähnlich ging es ihren Kollegen im Darmstädter Kontrollzentrum: vier Tage Ausnahmezustand im Rampenlicht. Erst als die Bordbatterie erschöpft war und Philae das letzte Funksignal zur Erde geschickt hatte, durften viele Dutzend Wissenschaftler, Ingenieure und Organisatoren schlafen gehen.

Minutiös hatte die Europäische Weltraumorganisation Esa diesen Höhepunkt der Rosetta-Mission inszeniert. Punkt 16.30 Uhr sollte Philae aufsetzen, genau 28 Minuten und 20 Sekunden später würde die per Funk abgesetzte Erfolgsmeldung auf der Erde eintreffen, gerade rechtzeitig für eine Topmeldung in den Abendnachrichten. Das passende Selfie, das Philae gleich nach dem Abkoppeln von der Muttersonde geschossen hatte, war da bereits übertragen.

Die PR-Abteilung hat in der Raumfahrt immer ein gewichtiges Wort, schließlich geht es um die Rechtfertigung großer Summen an Steuergeld, weit über eine Milliarde Euro war es bei der Rosetta-Mission. Den ursprünglich für den 11. November geplanten Landetermin hatte die Esa um einen Tag verschoben, damit er nicht mit den Feiern zum Ende des Ersten Weltkriegs kollidiert. Für die ist nämlich am 11. November in den französischen Nachrichtensendungen stets Platz eins reserviert.

Die größte Panne war das Beste, was passieren konnte

Eigentlich war eine weiche Landung geplant: Der Landeroboter Philae sollte sich mit Harpunen und Schrauben sofort auf Tschuri festhaken. Dass das nicht geschah, ist die einzige größere technische Panne der gesamten Rosetta-Mission. Doch für die Kometenwissenschaft hatte sie lehrreiche Folgen.

Nicht einmal, nicht zweimal, sondern gleich dreimal hat Philae aufgesetzt. Die Hüpfer klärten einen langjährigen Streit: Ist eine Kometenoberfläche eher hart wie Eis oder weich wie Zigarettenasche? Philaes Antwort: Es kommt darauf an, wo man misst. Am endgültigen Landeplatz traf das Minilabor nämlich auf einen über 2.000-mal härteren Boden als beim ersten Aufsetzen. Dank Landepanne steht nun fest: Die Beschaffenheit der Kometenoberfläche ist erstaunlich variabel.

Monatelang war Philae verschollen

Am 2. September 2016 haben die Kometenjäger der Esa ihren Landeroboter Philae wiedergefunden. Fast zwei Jahre lang wussten sie nicht genau, wo er steht. © Main image and lander inset: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA; context: ESA/Rosetta/NavCam – CC BY-SA IGO 3.0

Ansonsten war die verunglückte Landung äußerst misslich. Denn sie endete in einer schattigen Spalte, nur ein Bein bekam Bodenkontakt. Die Instrumente konnten keine Bodenproben nehmen und die Solarzellen keinen Stromnachschub liefern. Zwar schickte das Landegerät ein halbes Jahr später noch einige Lebenszeichen an die Muttersonde, doch seit Anfang Juli 2015 herrscht Funkstille. Lage Zeit war unbekannt, wo genau sich Philae befindet. Erst Anfang September dieses Jahres wurde der Lander auf einem Foto entdeckt.

Also: Was bleibt?

Die Rosetta-Mission ist zu Ende, doch die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Ergebnisse hat gerade erst begonnen. Fast zwei Jahre nach der Landung sind zwar schon mehrere Hundert wissenschaftliche Publikationen rund um die Rosetta-Mission erschienen. Doch die Teams zu den 21 Forschungsinstrumenten haben längst nicht alle Daten gesichtet – geschweige denn gründlich ausgewertet. Das ist die Voraussetzung für den nächsten Schritt: die übergreifende Analyse der Beobachtungen verschiedener Instrumente. Sie kann erst Mitte 2017 richtig beginnen, wenn die meisten Daten in einem zentralen Archiv der Esa verfügbar sein werden.

Mehrere Generationen an Kometenforschern können sich dann daraus bedienen. Heute arbeiten die meisten noch mit Daten der Giotto-Mission, die bereits vor 30 Jahren am Halleyschen Kometen vorbeigeflogen war. Besonders wertvoll sind Rosettas Beobachtungen auch für die Astronomie mit Teleskopen. Denn deren Bilder aus der Ferne können nun mit den direkten Messungen vor Ort abgeglichen werden.

Wenn Kometenforscher sich nun noch etwas wünschen dürften? Bodenproben von Kometen auf der Erde analysieren! Doch das dürfte wohl erst jenseits der Lebenszeit der meisten geschehen.