Ein jahrelang vermisstes Mädchen, ein zu Unrecht Verurteilter und nun eine mögliche Verbindung zu NSU-Terroristen: Der Fall Peggy ist einer der größten Kriminalfälle Deutschlands. Und einer der rätselhaftesten.

Vor 15 Jahren verschwand die damals neunjährige Peggy Knobloch aus Oberfranken, im Sommer 2016 schließlich fand man ihr Skelett in einem Wald, wenig später Fetzen von Kleidung in der Nähe des Fundorts. An diesen haben Rechtsmediziner nun DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt festgestellt, einem Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Wie kann das sein? Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den Fällen, oder handelt es sich um einen Laborfehler? Was kann die Rechtsmedizin überhaupt leisten? Und wie zuverlässig sind DNA-Analysen heutzutage generell?

Fest steht bislang: Der Fundort ist nicht der Tatort. Die Knochen aber sind eindeutig die Überreste von Peggy und könnten noch dazu beitragen, den Täter zu überführen, indem sie über die Todesursache Aufschluss geben. "Allein eine DNA-Analyse aber würde den Verursacher der Spur forensisch zweifelsfrei überführen", sagt Bernd Brinkmann, Leiter des Instituts für forensische Genetik in Münster. Sein Team arbeitet aktuell nicht am Fall Peggy, unterstützt aber seit mehr als 30 Jahren Polizei, Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt, Gerichte und Staatsanwaltschaften mit der Analyse von biologischem Spurenmaterial. Er weiß um die Stärken der DNA-Analyse – und um ihre Schwächen.

Speichel, Sperma oder Hautschuppen – all diese Dinge enthalten mehrfach das vollständige Erbgut eines Menschen. Aus ihm wiederum lässt sich der genetische Fingerabdruck, auch DNA-Fingerprint genannt, gewinnen; ein charakteristischer Code, der für jeden Menschen einzigartig ist – außer bei eineiigen Zwillingen. Doch um an diesen Code zu kommen, braucht es zahlreiche Handgriffe im Labor.

Die erste Herausforderung: Die DNA extrahieren, im Fall Peggy aus den Stofffetzen. 20 bis 30 Nanogramm guter DNA sind nötig pro Test. "In einer Spermazelle sind zirka 2,5 Nanogramm, in einer normalen Körperzelle fünf Nanogramm", sagt Brinkmann. "Also wird ein Teil des Stofffetzens zerkleinert, fast pulverisiert, und in ein Röhrchen gefüllt. Anschließend kommt eine Flüssigkeit hinzu, die Proteine auflöst, und das Ganze wird bis zu 24 Stunden lang erhitzt." Ein Teil der DNA ist damit freigelegt, allerdings vermischt mit all den anderen Dingen, die sich im Röhrchen befinden.  

"Um sie zu trennen, schleudert man die Probe in einer Zentrifuge." Alles, was uninteressant ist, befindet sich dann im Bodensatz, der Überstand aber ist reich an DNA – wenn auch nur in geringen Mengen. "Wir sprechen hier von wenigen Mikrolitern", sagt der Forensiker. Und die sind trotz Trennung nicht sonderlich rein.

DNA zerstören, um sie zu vermehren

Daher folgt eine Aufreinigung, bei der allerdings bis zu 70 Prozent des Erbmaterials verloren gehen. "Wir müssen das in Kauf nehmen, um saubere Ergebnisse zu bekommen", sagt Brinkmann. Was de facto übrig bleibt, ist für einen DNA-Abgleich zu wenig. Daher gilt es, die DNA wieder zu vervielfältigen, millionenfach liegt sie am Ende wieder vor. Die Methode dazu nennt sich Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Dabei trennen die Forensiker das Untersuchungsmaterial in einem elektrischen Feld entsprechend seiner Größe auf. Es entstehen charakteristische Muster, auch DNA-Profile genannt. Sie kommen mit einer bestimmten Häufigkeit im Erbgut der Bevölkerung vor.

Ein DNA-Profil besteht aus 30 Piks, welche sich jeweils aus Systemen zusammensetzen. Indem sie mehrere DNA-Systeme in einer Probe typisieren, grenzen die Forscher den möglichen Spurenverursacher immer weiter ein. In Deutschland ist es mittlerweile üblich, mit 17 Systemen zu arbeiten, das erhöht die statistische Wahrscheinlichkeit, die DNA-Spur dem Täter eindeutig zuzuordnen.