Ein Pädophiler kann nicht geheilt werden. Er kann nur lernen, die Neigung zu kontrollieren. "Eine Therapie kann den Betroffenen erwiesenermaßen dabei helfen", sagt der Sexualwissenschaftler Klaus Beier, "und so dazu beitragen, Missbrauch zu verhindern." Vor elf Jahren hat er das weltweit einzigartige Projekt "Kein Täter werden" mit gegründet. Mehr als 7.000 Männer haben seitdem bei seinen Kollegen und ihm Hilfe gesucht – nur ein Bruchteil hat sie bekommen.

Unter Beiers Leitung bieten mittlerweile rund 30 Therapeuten an elf Standorten Beratung und Hilfe an für Menschen, die sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlen. Nie zuvor konnten Forscher in so kurzer Zeit so viel über Pädophile erfahren und gleichzeitig behandeln. Daher zählt jede Therapie. Doch das Angebot deckt bei Weitem nicht die Nachfrage. Eine Gesetzesänderung soll das künftig ändern und die Zukunft des Projekts sichern.

11.808 Kinder wurden im vergangenen Jahr in Deutschland missbraucht – mit traumatischen Folgen wie lebenslangen Depressionen oder gestörtem Sozialverhalten. Das belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik von 2015. Wie bereits 2013 und 2014 seien die Zahlen damit leicht rückläufig, heißt es in dem Bericht. Aber auch: "In diesem Deliktsbereich muss nach wie vor von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden."

Viele Pädophile wollen widerstehen, wissen aber nicht, wie

Manchen Studien zufolge liegt die Dunkelziffer bis zu 30-fach höher, als aus amtlichen Statistiken hervorgeht. So haben Befragungen unter Jugendlichen für nationale und internationale Dunkelfeldstudien etwa gezeigt, dass 15 bis 30 Prozent aller Mädchen und 5 bis 15 Prozent der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Und unter rund 8.000 befragten Erwachsenen der Mikado-Studie gab es mehr als 600 Teilnehmer, die nach eigenen Angaben als Kinder missbraucht worden sind. Dreieinhalb Jahre lang wurden für die Untersuchung die Häufigkeit, Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen sexueller Grenzverletzungen von Kindern und Jugendlichen untersucht. Die Befragten berichteten, dass sie als Kinder von Erwachsenen an den Genitalien berührt oder zu Sex gezwungen worden waren.

Laut Untersuchungen wie der Mikado-Studie fühlen sich etwa sechs Prozent aller in Deutschland lebenden Personen zwischen 18 und 75 Jahren sexuell zu Kindern hingezogen. Epidemiologischen Studien zufolge hat ein Prozent der Bevölkerung pädophile Neigungen, 250.000 Menschen wären das allein in Deutschland. Hauptsächlich Männer. Woher die Vorliebe für den kindlichen Körper rührt, ist noch immer nicht geklärt. Offiziell heißt es, dass sowohl entwicklungsbiologische als auch psychische und soziale Faktoren an der Entstehung von Pädophilie beteiligt sind (siehe Infobox). Heilbar ist sie nicht. Fest steht aber auch: Nicht jeder, der pädophil ist, wird zum Kinderschänder.

Genau hier setzt das Projekt von Beier an: Pädophilie ist eine Diagnose, kein Verbrechen. "Wir bieten potenziellen Tätern eine Anlaufstelle", sagt er. "Menschen also, die keine aktuellen juristischen Auflagen haben" und die auch nicht straffällig werden wollen. Daher spricht der Projektleiter auch von der "Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld". 

Unter den Projektteilnehmern sind Pädophile, die noch nie zuvor eine Therapie gemacht haben. Andere sehen hier ihre letzte Chance. "Die Mehrheit unserer Teilnehmer hat sich bereits Missbrauchsabbildungen angeschaut oder an einem Kind vergangen", sagt Beier. Und wer einmal übergriffig war, neigt dazu, erneut ein Kind zu missbrauchen. Eine schmerzliche Erkenntnis.

Entsprechend intensiv ist die Therapie. Sie dauert durchschnittlich anderthalb Jahre. Eine bis zwei Sitzungen pro Woche sind die Regel. In dieser Zeit versetzen die Teilnehmer sich beispielsweise in Kinder hinein, müssen beschreiben, wie es ihnen erginge, wenn jemand käme und sie anfasse. Sie lernen, mit ihren Angehörigen über ihre Neigung zu sprechen. Und sie üben, wie sie Kinder meiden, die sie begehren: sofort weggehen etwa, sich auf eine bestimmte Tätigkeit konzentrieren oder Vertraute anrufen. Damit sie nicht dem drängenden Impuls nachgeben, Zeit mit dem Kind zu verbringen. Die Therapeuten notieren Reaktionen, Fragen und Wünsche, halten Fort- sowie Rückschritte fest. Teilnehmer, die ihren Namen nicht nennen wollen, erhalten eine Persönliche Identifikationsnummer (PIN), unter der sich die Daten später abrufen lassen.