In 20 bis 40 Jahren ist Sex nicht mehr nötig. Er wird als unanständig gelten, ja sogar als verantwortungslos. Möchte ein Paar Kinder, gibt die Frau ein Stück Haut ab, aus dem die Eizellen entwickelt werden, der Mann liefert die Spermien. Die Befruchtung erfolgt im Reagenzglas. Dort könnte dann eine rigide Qualitätskontrolle erfolgen, nach den Kriterien: schwere genetische Defekte, Disposition zu anderen Krankheiten, Aussehen sowie – mit geringer Prognosekraft – Intelligenz.

Es klingt ziemlich wahnsinnig, was Stanford-Jurist Henry Greely in seinem Buch The End of Sex and the Future of Human Reproduction schreibt. Doch es zeigt, wie weitgreifend es wäre, würde wirklich all das klappen, woran Reproduktionsmediziner und Stammzellforscher gerade tüfteln. Eine der vielen Ideen: Eizellen einer Frau züchten. Aus Stammzellen. Komplett im Labor.

Wozu? Weil bisher gilt: Ohne gesunde Eizellen kein Baby. Selbst für eine künstliche Befruchtung muss einer Frau eine Eizelle entnommen werden. Klar, man könnte die einer Spenderin nehmen. Nur ist das nach dem Embryonenschutzgesetz in Deutschland verboten. Das Baby wäre genetisch das Kind der Spenderin, geboren und aufgezogen von einer anderen. Ethisch zu problematisch, argumentiert der deutsche Gesetzgeber. Auch eine Leihmutterschaft ist nicht erlaubt. Einige Paare reisen für eine Eizellspende bisher ins Ausland.

Erstmals Eizellen, komplett aus dem Labor?

All das hätte ein Ende, könnte man aus Stammzellen einer Frau im Labor Eizellen züchten, die dasselbe Erbgut trügen wie sie. Genau dieser Vision von der In-vitro-Ontogenese, wie Mediziner sagen, sind Stammzellforscher jetzt ein Stück näher gekommen. Zumindest im Tierversuch.

Katsuhiko Hayashi und seinen Kollegen von der Uni Kyoto, Japans zweitrenommiertester Universität, haben voll entwicklungsfähige Mäuse-Eizellen aus Stammzellen gezüchtet und sie im Reagenzglas befruchtet (Nature: Hikabe, Hayashi et al., 2016). Eingepflanzt in die Gebärmutter eines Mäuseweibchens wuchsen sie zu gesunden Jungtieren heran. Und die konnten sich später auf natürlichem Wege fortpflanzen.

Schon seit gut drei Jahren bekommt Katsuhiko Hayashis Team regelmäßig E-Mails – von kinderlose Paaren, die sich große Hoffnungen machen. Eine Frau aus England schrieb sogar, sie wolle vorbeikommen. Denn damals hatten die Japaner zum ersten Mal Vorläufereizellen im Labor geschaffen (Science: Hayashi et al., 2012). Allerdings mussten diese damals noch in die Eierstöcke ausgewachsener Mäuse transplantiert werden, ehe sie komplett heranreifen konnten. Diesen Zwischenschritt braucht es nun nicht mehr. Zum ersten Mal hat der Mensch also Geschlechtszellen geschaffen, komplett außerhalb eines Lebewesens.

Dadurch sei es "nun vorstellbar, dass ähnliche Ergebnisse in Zukunft auch für den Menschen erreicht werden könnten", sagte Michele Boiani vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin gegenüber Journalisten des deutschen Science Media Centers. Der Schritt von der Maus zum Menschen werde in Zukunft keine technische, sondern nunmehr eine ethische Frage sein. Wobei das nicht heißt, die Methode sei schon anwendbar.

Von der Stammzelle zum Mäusebaby

Die Arbeit der Japaner ist noch reine Grundlagenforschung. Sie stützt sich auf die Wandelbarkeit von Stammzellen. Diese sind so etwas wir das Schweizer Taschenmesser der biologischen Entwicklung. Als pluripotent sind diese Zellen bekannt, denn sie können sich unter bestimmten Voraussetzungen in jeden anderen Zelltyp eines Organismus wandeln. In der Natur kommen sie als embryonalen Stammzellen nur in der ersten Entwicklungsstufe von der befruchteten Eizelle zum eigenständigen Lebewesen vor. Ausgewachsene Vertreter ihrer Art besitzen zwar adulte Stammzellen, doch die transformieren sich längst nicht in jeden beliebigen Zelltyp.

Es sei denn, man programmiert sie zurück. 2007 gelang es dem späteren Nobelpreisträger Shinya Yamanaka (ebenfalls von der Kyodai-Universität) erstmals, bestimmte Gene mittels manipulierter Viren in adulte Zellen einzuschleusen, sodass sich letztere zurückbildeten in ein Stadium, das dem embryonaler Stammzellen ähnelte: Seither werden diese induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) vielfach in der Forschung eingesetzt.

Eine Chance für noch ältere Mütter?

Doch so einfach, wie das alles klingt, war auch der Mäuseversuch nicht. Die Ausbeute an Eizellen, die aus den Stammzellen entstanden, war extrem gering. Viele waren fehlprogrammiert. Auch der komplizierte Werdegang der Nagestammzellen zum Nachwuchs zeigt, warum sich eine Reise nach Kyoto für die britische Frau immer noch nicht lohnen würde. Den kompletten Prozess beim Menschen anzuwenden, ist noch unmöglich. Ganz zu schweigen von den nicht gerade kleinen genetischen Unterschieden zwischen Mensch und Maus.