Ein Super-GAU bleibt. Noch in Jahrtausenden wird die Strahlung, die nach dem Unfall am 26. April 1986 in Tschernobyl freigesetzt wurde, an der Atomruine nachweisbar sein. Es sei denn, es gelingt, den radioaktiven Schrott unschädlich zu machen. Bisher kann das niemand. Daher soll von nun an eine doppelte Hightechhülle aus Beton und Stahl Schutz bieten. Verläuft alles nach Plan, hält sie 100 Jahre.

In den kommenden Tagen werden Ingenieure das bisher größte bewegliche Landbauwerk der Menschheit auf Schienen über den zerstörten Reaktor 4 des Atomkraftwerks schieben. Seit 30 Jahren ist er nur von einem nach der Havarie eilig gemauerten Sarkophag aus Stahl und Beton bedeckt. Ständig der Radioaktivität ausgesetzt, ist diese Notlösung inzwischen mürbe. Unter dem Konstrukt befinden sich mehr als 180 Tonnen unberechenbares, strahlendes Material, von dem niemand weiß, wo genau es liegt und in welchem Zustand es ist. Fest steht nur, dass dort die sehr langlebigen Elemente Uran und Plutonium lagern – und dass es einen stabileren Schutz braucht.

NSC ist das größte mobile Landbauwerk der Menschheit

Die Hülle ist das Ergebnis eines internationalen, durchaus umstrittenen 1,5 Milliarden Euro teuren Projekts. Ihr offizieller Name: New Safe Confinement, kurz NSC. Konstruiert wurde sie so, dass die restlichen Brennstoffe eines Tages entfernt, der radioaktive Abfall verarbeitet und die gesamte Anlage neutralisiert werden könnte. Zuständig dafür sind die ukrainischen Behörden. Die Vision: eine grüne Wiese statt einer strahlenden Dauerbaustelle.  

In den Medien wird das Konstrukt häufig Sarkophag genannt, wie der bisherige Notfallsarg. Dieser Begriff ist unpassend, da irreführend. Er suggeriert, Tschernobyls Reaktor werde für immer beerdigt. Dabei markiert die neue Ummantelung bloß den Anfang eines auf Jahrzehnte angelegten Rückbauprozesses, von dem bislang unklar ist, wie er genau aussehen wird. Ein Kransystem, mit dem sich erste Schichten von Geröll und Bauteilen abtragen lassen, ist bereits installiert. Durch eine Schleuse werden Arbeiter die Halle unter der Hülle betreten können. Viel können sie derzeit allerdings nicht tun. Die große Hoffnung: In naher Zukunft entwickeln Ingenieure Technologien, um den radioaktiven Abfall zu beseitigen.

Direkt nach der Kernschmelze und der Explosion hatten sowjetische Arbeiter unter Einsatz ihres Lebens eine provisorische Schutzhülle aus Sand und Blei aufgebaut. Als das nicht half, türmten sie 7.000 Tonnen Stahl und mehr als 400.000 Kubikmeter Beton auf den havarierten Reaktor. Schon damals war bekannt: All das wird nicht auf Dauer halten. Ein Vierteljahrhundert, so sagten sowjetische Forscher, könne der Betonsarg den Strahlen wohl Stand halten. 30 Jahre ist das her.

Seit sechs Jahren bauen Tausende Arbeiter daher an der neuen beweglichen Ummantelung. Sie ist eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Ein monströses Stahlgerippe – mehr als 100 Meter hoch, 160 Meter lang und 260 Meter breit – stützt die Kuppel. Flugzeuge, ganze Kirchen passen darunter, etwa vom Ausmaß der Kathedrale von Notre-Dame. So bedeckt die Kuppel eine Fläche von 85.000 Quadratmetern und besteht aus mehreren Lagen, die verhindern sollen, dass Feuchtigkeit, Luft und Hitze nach außen dringen. Oder innen. "Die äußere Hülle kann einem Tornado der Stufe 3 standhalten", heißt es in der Informationsbroschüre der EBRD, die das Projekt mitfinanziert. Der Mantel sei beständig gegen Regen, Schnee sowie extreme Temperaturen.

Die innere Hülle wiederum hat eine besonders glatte Oberfläche aus Edelstahl. Darauf kann sich nur wenig Staub ablagern und sammeln. Sie ist feuerfest, nicht magnetisch und dient der äußeren Hülle als Backup, sollte die doch mal porös werden.

Tschernobyl - Eine Kuppel für die Atomruine Seit vier Jahren bauen Arbeiter unter lebensgefährlichen Bedingungen an einer riesigen Kuppel, die nun über den Reaktor in Tschernobyl geschoben werden soll.

Sensoren messen Strahlung, Temperatur und Erschütterungen

Viel Beton, viel Edelstahl – das Konstrukt erinnert auf den ersten Blick an einen Flugzeughangar. "Doch das NSC ist wesentlich komplexer aufgebaut", sagt Lutz Küchler von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Im Innern befinden sich Überwachungssysteme, etwa zur Messung von Strahlung, Temperatur und seismischen Erschütterungen. Zudem wird laut Küchler die Luft im Bereich zwischen innerer und äußerer Wand durch eine spezielle Lüftungsanlage soweit getrocknet, dass dort eine Luftfeuchtigkeit von etwa 40 Prozent nicht überschritten wird. Damit solle die Korrosion der tragenden Metallkonstruktion, eine der größten Gefahren für die Beständigkeit, verhindert werden.

Grundsätzlich hält Küchler die Konstruktion für sicher – so sicher, wie eine Stahlbetonhülle über einer Atomruine von angegriffener und unbekannter Stabilität eben sein kann.

100 Jahre sind nötig

"Die Herausforderung besteht in der Langfristigkeit", sagt auch Walter Tromm, Sprecher des Programms Nukleare Entsorgung, Sicherheit und Strahlenforschung in Karlsruhe. So soll die neue Konstruktion den ukrainischen Behörden vor allem ermöglichen, die gefährlichen Stoffe aus dem Innern zu bergen und zu verstauen. "Sie soll 100 Jahre dicht sein, um Zeit für den Rückbau zu haben. Die werden wir brauchen", sagt Tromm.

"Die Unsicherheiten sind enorm"


Deutschland gewisse Erfahrungen im Rückbau von Kernkraftwerken. Wenn auch nur von konventionellen. Deren Zustand ist genau bekannt, weshalb sich die Gebäude präzise von innen nach außen zerlegen lassen. "Tschernobyl ist eine ganz andere Kategorie: Da liegt irgendwo Kernmaterial zusammengeschmolzen in unbekannten Mischungen und in irgendwelchen Stockwerken", sagt Tromm. "Auch wissen wir nicht, wo die Brennelemente sind. Die Unsicherheiten sind enorm."

Um die Lage überhaupt analysieren zu können, ist ein permanenter Unterdruck unerlässlich. Nur dann sei gewährleistet, dass nichts ungewollt aus dem Inneren nach außen dringe. "Eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe", sagt Tromm.

Tschernobyl ist keine Hochleistungsanlage mit sterilen Bedingungen, sondern eine riesige Baustelle mit Strahlenbelastung.
Walter Tromm, Sicherheitsforscher

Ganz entscheidend sind die Dichtungen. Die Ingenieure haben die Dichtungsplatten – ebenfalls Sonderanfertigungen – mit extra widerstandsfähigen Silikonen verfugt. Silikone, wie sie aus dem Hausbau bekannt sind, müssten nach 20 Jahren erneuert werden – in diesem Fall unmöglich. "Im Kleinen ließen sich die neuen Materialien im Labor testen. Doch wie sie sich draußen verhalten, ist ein Experiment", sagt Tromm. "Jede Fuge muss hochpräzise gefertigt sein, sonst wird das nichts mit dem Unterdruck." Es helfe nichts, wenn nur 80 Prozent perfekt sind: Dann wäre die Hülle undicht. Und das wäre fatal. Sollte es eines Tages möglich sein, den Reaktor abzutragen, könnten dabei jederzeit stark krebserregende Isotope in die Luft gelangen. Eine dichte Hülle verhindert, dass der Wind sie über Landesgrenzen hinweg verteilt.

Tschernobyls Wiese bleibt ein Traum

Derweil ist allen Beteiligten bewusst, unter welch schlechten Bedingungen die Ummantelung entsteht. "Das Gelände in Tschernobyl ist keine Hochleistungsanlage mit sterilen Bedingungen, sondern eine riesige Baustelle mit Strahlenbelastung", sagt Tromm. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier nicht hundertprozentig genau gefertigt wird, sei groß.

Um die Strahlungsbelastung für die Arbeiter möglichst gering zu halten, wurde die Hülle 180 Meter vom alten Sarkophag entfernt gefertigt. Über Teflonschienen wird sie in den kommenden Tagen über die Ruine geschoben. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Tromm. Aber erfolgreich sei das Projekt erst, wenn es gelingt, die radioaktiven Materialien herauszuholen und in ein Endlager zu bringen.

Noch Tage nach dem Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk im Jahr 1986 war unklar, wie viel Radioaktivität aus dem beschädigten Reaktor Nummer 4 entwichen war. Noch Jahre danach wusste niemand, für wie viele Menschen und Tiere die Strahlung gesundheitliche Folgen hatte. Und noch Jahrzehnte später ist ungewiss, wie das noch immer stark strahlende Material unter Kontrolle gebracht werden kann. Die grüne Wiese in Tschernobyl ist weiterhin eine Vision. Daran ändert selbst das Meisterwerk der Ingenieure nichts.

Alles über die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986, die Folgen und die Arbeiten an der Ruine lesen Sie auf dieser Seite.