Lieber Stephen Hawking,

ich weiß, Sie glauben nicht an Wunder. Sie sind ein Mann der Ratio, überzeugt davon, dass sich die Mysterien des Universums allein durch Logik und Empirie entschlüsseln lassen. Eine Größe namens "Gott" spielt in Ihren Formeln keine Rolle. Und anders als ihr berühmter Kollege Albert Einstein vermeiden Sie jegliche Spekulationen darüber, was "der Alte" wohl täte oder ob Gott nun würfelt oder nicht. In Ihren Theorien, so sagten Sie einmal, sei für einen Schöpfer schlicht kein Platz.

Doch selbst ein so nüchterner Kopf wie Sie muss zugeben: Es ist ziemlich erstaunlich, dass Sie heute Ihren 75. Geburtstag feiern! Denn schon vor rund 50 Jahren hat man Ihnen den baldigen Tod prophezeit. Damals, als bei Ihnen die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert wurde, schätzten Ärzte Ihre Lebenserwartung auf wenige Jahre. Pah! Heute dürften die Mediziner sich ähnlich dumm fühlen wie seinerzeit Ihre Studienkollegen in Cambridge, als Sie im Physikstudium die schwierigsten Aufgaben schneller als alle anderen lösten.

Was ist wohl Ihr Erfolgsrezept? Zum einen Ihre überdurchschnittliche Intelligenz. Zum anderen Ihre Zähigkeit. Ihr Geist hat sich von der Krankheit nicht beirren lassen. Zwar hat Ihnen Ihr Körper nach und nach die Gefolgschaft verweigert, bald brauchten Sie einen Rollstuhl, später einen speziellen Sprachcomputer, als Ihnen nach einem lebensrettenden Luftröhrenschnitt die Stimme versagte. Aber Sie haben weiter an Ihren physikalischen Theorien gearbeitet, mehrfach geheiratet, Kinder und Enkelkinder bekommen und zu alledem das vielleicht erfolgreichste populärwissenschaftliche Buch aller Zeiten geschrieben, Eine kurze Geschichte der Zeit.

Für gesunde Menschen wäre solch eine Bilanz extrem beeindruckend. In Ihrem Fall jedoch bekommt sie etwas Sagenhaftes. Dass ein Mensch, der sich kaum bewegen kann und sich nur noch über winzige Muskelkontraktionen mit der Außenwelt verständigt, zum Weltstar wird – das ist eine ungeheure Ermutigung für all jene, die selbst mit Behinderungen zu kämpfen haben.

Nicht einmal von einem Parabelflug, in dem für kurze Zeit die Bedingungen der Schwerelosigkeit erzeugt werden, haben Sie sich abhalten lassen. Mit solchen Flügen bereiten sich Astronauten auf ihren Aufenthalt im Weltraum vor, sie sind also eine ziemliche Herausforderung (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Sie haben damit den Beweis geliefert, dass es für einen starken Willen kaum eine Grenze gibt, dass mit der entsprechenden Einstellung Dinge möglich werden, die der sogenannte gesunde Menschenverstand für unmöglich hält.