ZEIT ONLINE: Herr Renn, wenn Sie an die letzten zwei Jahre denken, in denen viele Flüchtlinge zu uns gekommen sind, fühlen Sie sich auf öffentlichen Plätzen oder auf der Straße heute weniger sicher, sicherer oder hat sich da nicht so viel geändert?

Ortwin Renn: Da hat sich nicht so viel geändert.

ZEIT ONLINE: So wie Sie fühlen sich auch 65 Prozent der Menschen in Deutschland, die gerade in einer Telefonumfrage dieselbe Frage beantwortet haben. Allerdings sagt fast ein Drittel: "Ich fühle mich unsicherer als vor zwei Jahren." Was denken Sie, warum?

Renn: Das hat drei Gründe. Erstens: Es wird über einzelne Übergriffe mehr berichtet. Aus der Forschung wissen wir: Alles was thematisiert wird, wird überschätzt. Auf dem Oktoberfest in München zum Beispiel, da passiert jedes Jahr etwas. Darüber wird aber in der Regel kaum berichtet. Entsprechend fühlt sich dann auch niemand unsicherer als vorher. Zweitens: Die Flüchtlingssituation schafft Unsicherheit. Immer dann, wenn etwas Ungewöhnliches, Fremdes auf Menschen zukommt, stärkt es ein Gefühl der Bedrohung. Und drittens äußern sich heutzutage mehr Menschen, die bedrängt oder bestohlen wurden, öffentlich. So entsteht subjektiv der Eindruck, es komme zu mehr Übergriffen.

ZEIT ONLINE: Stimmt das denn nicht?

Renn: Tatsächlich sieht man in Kriminalstatistiken, dass bestimmte Straftaten in einzelnen Bundesländern etwas häufiger geworden sind, etwa in Berlin. Für die Flächenländer gilt das weniger. Bundesweit ist deshalb kein Trend nach oben zu erkennen. Schwere Körperverletzungen nehmen sogar ab. Auch unter Flüchtlingen gibt es insgesamt keine erhöhten Raten bei Delikten wie Mord und Totschlag. Einige Straftaten sind unter Personen, die im Ausland geboren sind und keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, jedoch häufiger. Das gilt etwa für sexuelle Nötigung. Was Raub und Diebstahl angeht, sind es aber nicht Flüchtlinge, sondern eher Banden aus osteuropäischen Ländern, die in Deutschland aktiv sind.

ZEIT ONLINE: Die Umfrage zur Unsicherheit teilt die Gesellschaft in "wir Deutsche" und "die Flüchtlinge". Ist das nicht sehr pauschal und bereits diskriminierend? 

Ortwin Renn ist Soziologe und leitet seit Februar 2016 das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Er hat zwei Bücher über die Wahrnehmung von Risiken geschrieben, zuletzt: "Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten".

Renn: Die Unterscheidung in "wir" und "die Anderen" ist für alle Gesellschaften ein Teil der eigenen Identitätsbildung. Aber "wir" versus "die Flüchtlinge" ist irreführend. Der Begriff Flüchtling besagt ja nur, dass ein Mensch von irgendwoher geflohen ist. Das könnte auch ein Russlanddeutscher sein. Flüchtling zu sein, ist unabhängig von der Herkunft. Viele verbinden mit dem Begriff einen "Ausländer" – sie stellen sich einen Syrer, Afghanen, Osteuropäer oder Afrikaner vor. Umgekehrt werden Menschen, die seit Jahrzehnten Deutsche sind, wegen ihrer Hautfarbe jetzt für Flüchtlinge gehalten. So eine Zuschreibung reflektiert nie die reale Situation.

ZEIT ONLINE: Heißt das, wenn wir aufhören würden, in "wir" und "ihr" zu denken, hätten wir auch weniger Angst?

Renn: Das ist wenig realistisch. Dieses Denken ist tief im Menschen verwurzelt. In der Diskussion halte ich es zudem für überzogen, dass, wer "ihr" und "wir" sagt schon als AfD-verdächtig gilt. Es ist normal, dass Menschen sich in Gruppen gegenüber anderen abgrenzen, etwa aufgrund ihrer Religion. Das tun Punks genauso wie liberale Intellektuelle. Der universalistische Philanthrop ist eher die Ausnahme. Identifikation und Abgrenzung gehören dazu. Nur muss dabei jeder ein Recht auf seine Identität haben und andere müssen dies respektieren. Erst wenn das nicht gelingt, kommt es zu Diskriminierung und Gewalt.

ZEIT ONLINE: Unabhängig von Statistiken, scheint die Angst in der Bevölkerung leicht zuzunehmen. Was sollen Menschen tun, die sich im Alltag und unterwegs jetzt fürchten?

Renn: Wenn mir grundsätzlich auf öffentlichen Plätzen das Herz in die Hose fällt, ist es vielleicht sinnvoll, sie auch mal zu meiden. Die Frage ist, was verliere ich dadurch? Ich vergleiche das gerne mit dem Fliegen. Mehr als 60 Prozent der Deutschen sagen, sie hätten Angst im Flugzeug. Die meisten davon fliegen trotzdem, weil ihnen sonst der Urlaub oder ein Besuch bei Verwandten entgeht. Wer seine Lebensqualität nicht von solchen Ängsten einschränken lassen will, dem hilft ein Blick in die Statistik. Der verrät: Fliegen ist nicht so gefährlich wie es sich anfühlt. Gleiches gilt für öffentliche Plätze. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich von Flüchtlingen oder sonst wem angegriffen werde, ist extrem gering. Sie ist nicht Null, aber es trifft nur wenige.

ZEIT ONLINE: Das klingt vielen sicher zu einfach: "Du brauchst keine Angst zu haben, es wird schon nichts passieren." Selbst, wenn es stimmen sollte.

Renn: Manchen hilft es, nicht über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken, sondern sich zu fragen: Wie verhalte ich mich in einer möglichen Gefahrensituation? Natürlich beruhigt es, wenn man nachts auf öffentlichen Plätzen nicht allein unterwegs ist. Auch sollte man andere nicht provozieren. Es kann etwas ausmachen, wenn man in der Dunkelheit eine Taschenlampe dabei hat. Das hält im Zweifel keinen Dieb ab, aber es ist gut für das subjektive Gefühl von Sicherheit. Sich zu bewaffnen, ist hingegen keine gute Idee. Nie. Das lässt Situationen eskalieren und macht sie viel gefährlicher. Wirksamer als ein Pfefferspray sind auch Geräte, die laut Alarm auslösen.

Wie viel Angst haben Flüchtlinge eigentlich vor uns?

ZEIT ONLINE: Politiker verweisen stets auf mehr Überwachung und Polizei. Hilft das gegen die Sorge vor Überfällen und Gewalttaten?

Renn: Das kommt auf das Maß an. Wenn ich etwa auf einem Platz unterwegs bin, auf dem zwei Polizisten patrouillieren, fühle ich mich sicherer als wenn dort keiner wäre. Wenn auf dem Platz hingegen ein Panzer stünde, fürchten die meisten bereits einen Bürgerkrieg.

ZEIT ONLINE: Wie beeinflussen Medienberichte die Wahrnehmung einiger, es sei in Deutschland unsicherer geworden?

Renn: Je mehr über etwas berichtet wird, desto stärker rechnen wir damit, dass es passiert. Gar nicht zu berichten, ist keine Lösung. Journalisten könnten aber schon stärker die Mechanismen erläutern, die Ängste schüren oder erhöhen. Natürlich fürchten sich viele heute eher davor, in der U-Bahnstation rücksichtslos die Treppe hinuntergestoßen zu werden, als bei einem Autounfall zu sterben. Über Angriffe auf Bahnhöfen wurde tausendfach berichtet, über die meisten Verkehrsunfälle nicht. Diese Effekte sollten allen bewusster werden. Natürlich ist das Ungewöhnliche, etwas, das nicht häufig passiert, eher eine Nachricht wert. Das verzerrt aber den Blick auf die Realität.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen eigene Erfahrungen und Vorurteile dabei?

Renn: Wir leben in einer Post-Erfahrungsgesellschaft. Die meisten Bedrohungen werden kaum mehr selbst erlebt, sondern werden uns vermittelt. Und dann fragen wir uns: Wem glaube ich und was kann ich mir vorstellen? Je fremder uns jemand ist, desto schlimmere Fantasien entwickeln wir. Studien haben gezeigt: Dort, wo viele Flüchtlinge oder Migranten mit uns leben, entsteht die geringste Angst. Wenn der Kassenwart unseres Kaninchenzuchtvereins ursprünglich aus Syrien kommt und das keiner mehr seltsam findet, dann gibt es auch immer weniger Raum für Fremdenfeindlichkeit.

Wir leben in einer Post-Erfahrungsgesellschaft. Die meisten Bedrohungen werden kaum mehr selbst erlebt, sondern werden uns vermittelt.
Ortwin Renn, Risikoforscher in Potsdam

ZEIT ONLINE: Es geht also oft um Gefühle im Gegensatz zu konkreter Bedrohung. Sollten wir solche Befindlichkeiten also weniger ernst nehmen?

Renn: Nein. Gefühle sind real vorhanden, die lassen sich nicht einfach ausschalten. Wir müssen nur aufpassen, dass Angst nicht die Oberhand gewinnt. Sie kann ein Warnsignal sein und Leute, die keine Angst haben, leben nicht lange. Sie darf uns nur nicht lähmen.

ZEIT ONLINE: Hat eigentlich mal jemand "die Flüchtlinge" gefragt, wie viel Angst sie vor uns haben?

Renn: Eine repräsentative Umfrage dazu kenne ich nicht. Doch klar ist: Für Ausländer, die zu uns kommen, sind wir die Fremden. Sie wundern sich genauso über manches, was wir machen, wie wir es über einige von ihnen tun. Sie fragen sich auch, wie Deutsche ticken. Für jemanden, der durch Krieg und Vertreibung traumatisiert ist, sind Ängste meist sehr präsent. Diese Emotionen können schlagartig zurückkehren, wenn irgendetwas, wie ein Geruch oder ein Geräusch, die Menschen an das das Trauma auslösende Ereignis erinnert. Das sind Ängste von einem Ausmaß, wie sie den meisten hierzulande zum Glück erspart bleiben.