Was vor wenigen Jahren noch belächelt wurde, ist heute eine ernstzunehmende Bedrohung: Nordkoreas Atomwaffenprogramm. 20 Atombomben könnte das Regime mittlerweile besitzen. Dass Kim Jong Uns Leute grundsätzlich Sprengkörper bauen können, sagt nicht nur der Diktator – Messungen haben es bewiesen. Und nicht nur das: Der Machthaber behauptet, seine Bomben auch einzusetzen. Vor allem die USA sind deshalb beunruhigt.

Zu was allem Kim JongUn in der Lage ist und was er damit vorhat, weiß nur er selbst. Sein Regime ist abgeschottet, kritische oder zu neugierige Besucher sind unerwünscht: Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde sowieso. Seit Jahren versuchen daher nicht nur Geheimagenten, sondern auch Geologen, Seismologen und Atmosphärenforscher die Aufrüstung Nordkoreas auszuspionieren. Sie analysieren Satellitendaten, werten Erschütterungen der Erde aus, hören Ozeane nach Schallwellen ab und untersuchen Proben aus der Luft, um die entscheidende Frage zu beantworten: Wie wirkungsvoll wäre eine Atombombe aus Nordkorea und wie weit könnte sie fliegen?

Die Plutonium-Produktion – ein offenes Geheimnis

In der Theorie mag es einfach klingen, eine Atombombe zu bauen – ein wenig radioaktives Uran oder waffenfähiges Plutonium, eine Neutronenquelle, Sprengstoff, fertig. Tatsächlich ist das Vorhaben aufwendig, gefährlich, teuer und nicht zuletzt moralisch verwerflich.

Kim Jong Un hat all das nicht davon abgehalten, die Entwicklung nuklearer Waffen voranzutreiben. Wie schon sein Vorgänger lässt er ungeachtet internationaler Konventionen waffenfähiges Material produzieren und zündet unterirdisch Prototypen von Atombomben. Ein erster Test erfolgte 2006 – nicht sonderlich effektvoll. Schwache Explosionen folgten 2009 und 2013. Im vergangenen Jahr dann gab es gleich zwei Sprengversuche: Nie zuvor waren nordkoreanische Bomben mit solcher Wucht explodiert.

Langsam aber stetig hat sich Nordkorea einen Vorrat an Atomwaffenmaterial angehäuft. Das Programm ist im Wesentlichen aufgebaut wie alle anderen vor ihm. Schon seit 1986 gibt es in Yongbyon einen Reaktor, der waffenfähiges Plutonium erzeugt. Mit einer Leistung von 20 Megawatt mag er schwach sein, aber bei vollem Betrieb reicht das immerhin für etwa einen Sprengkopf pro Jahr. Seit 2009 sind nach Angaben des Regimes zudem Zentrifugen zur Urananreicherung in Betrieb, um das Programm zu beschleunigen. Sie sollen aus natürlichem Uran die künstliche, radioaktive Variante Uran-235 machen. Ein US-Wissenschaftler berichtete dem Weißen Haus 2010, er habe die Anlage selbst gesehen, wenn auch nicht im Betrieb.

Überwachung aus dem All

Punggye-ri im gebirgigen Nordwesten Nordkoreas ist das einzige Testgelände für nukleare Sprengsätze, von dem Außenstehende wissen, entdeckt von ausländischen Satelliten. Wann bereitet Kim dort den nächsten Test vor, wann inszeniert er nur ein Manöver? Um das vorherzusagen können, überwachen China, die USA und andere Regierungen vom All aus, was auf dem Gelände vor sich geht. Wenn sich dort plötzlich mehr Menschen als üblich tummeln oder Transporter anrücken, ist das höchst verdächtig.

Verräterische Erdstöße

Auch Seismologen zählen zu den spionierenden Forschern – nur merken sie erst etwas, wenn es zu spät ist. Ein Messnetzwerk aus 170 Instrumenten durchsetzt den Boden und ermöglicht so den Blick ins Verborgene. Explodiert eine Bombe, vibriert die Erde, was seismische Wellen erzeugt, die von den Instrumenten aufgezeichnet werden. Die Wellen einer Bombenexplosion unterscheiden sich dabei von gewöhnlichen Erdbeben. Wo und ob Kim Jong Un also etwas gezündet hat, lässt sich daher mit großer Sicherheit beantworten.

Von der Stärke der Beben können Physiker dann Rückschlüsse auf die Kraft der Bombe ziehen. Messstationen in Südkorea, China, Japan und Russland beispielsweise verzeichneten nach einem Atomwaffentest im Januar 2016 ein seismisches Ereignis mit einer Stärke zwischen 4,7 und 5,3. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass die Wucht der Waffen seit 2006 deutlich zugenommen hat (Seismological Research Letters: Cesca, Simone, et al., 2017). "Vermutlich von wenigstens 0,5 Kilotonnen auf nun 7 bis 20 Kilotonnen oder etwas mehr. Das ist dann Hiroshima-Niveau", wie der Rüstungsforscher Götz Neuneck ZEIT ONLINE in einem früheren Interview sagte.