ZEIT ONLINE: Herr Steinhauser, vor sechs Jahren lösten ein Beben und ein Tsunami in Japan den größten Atomunfall nach Tschernobyl aus. Heute scheint es, als schaue kaum noch jemand nach Fukushima. Vergessen wir zu schnell?

Georg Steinhauser: Nein. Dieser Unfall war glücklicherweise weitaus weniger folgenreich als Tschernobyl. Die Menge an ausgetretener Radioaktivität war deutlich geringer, die Region um das Kraftwerk wurde rasch evakuiert, noch ehe der größte Teil der Strahlung überhaupt entwichen war.

ZEIT ONLINE: Die Fernsehbilder wirkten dramatisch: Rauchwolken über dem AKW Fukushima Daiichi, explodierende Reaktorblöcke. Es fällt schwer, zu glauben, in Fukushima könne je wieder etwas in Ordnung kommen.

Steinhauser: Fukushima ist das beste Beispiel, wie sehr Bilder täuschen können. Am Anfang wusste kaum jemand, was vor sich ging. Die Wasserstoffexplosionen in den Reaktoren 1, 3 und 4 waren gigantisch. Als Block 3 in die Luft flog, wollte die japanische Regierung sogar eine nukleare Explosion nicht ausschließen. Doch das Schlimmste blieb aus. Allein die Außenhüllen der Gebäude wurden zerfetzt. Die Reaktoren selbst waren kaum betroffen.

Infografik: Der Zustand des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi

  • März 2011
  • Heute

500 m

Japan

Der Boden der Anlage ist mit Beton versiegelt, damit radioaktive Teilchen nicht einsickern oder aufgewirbelt werden.

Zur Detailansicht

Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

Neben einem neuen Bürogebäude gibt es für die mehr als 1.000 Arbeiter Unterkünfte und einen Supermarkt.

In Hunderten Tanks lagert radioaktiv belastetes Kühlwasser.

100 m

Roboter untersuchen die Schäden in den Reaktoren. Wegen der hohen Strahlung versagten zuletzt im Februar 2017 zwei der Maschinen im Block 2.

Eine Eiswand im Boden um die Reaktorblöcke soll verhindern, dass Grundwasser unter die Anlage fließt und Radioaktivität ins Meer spült.

Seit Juli 2013 ist Reaktorgebäude 4 ummantelt. Bis Dezember 2015 konnten alle Brennstäbe aus dem Abklingbecken entfernt werden.

Satellitenbild vom 12. November 2015

500 m

Japan

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Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

11. März 2011, 14.46 Uhr Ortszeit:

Ein Beben der Stärke 9 ereignete sich vor Japan. Mehrere Tsunamis, bis zu 14 Meter hohe Wellen, trafen innerhalb einer Stunde das AKW Fukushima-Daiichi.

100 m

Die Reaktorblöcke 5 und 6 wurden von dem Beben und den Tsunamis kaum beschädigt. Sie waren nicht in Betrieb.

Rund 80 Prozent der ausgetretenen Radioaktivität wehte aufs Meer.

12. März 2011, 15.36 Uhr:

Eine Wasserstoff­explosion zerfetzte die Betonhülle des überhitzten Reaktorgebäudes 1.

Aus Reaktor 2 entwich die größte Menge radioaktiver Stoffe beim Versuch, ihn zu stabilisieren.

14. März 2011, 11.01 Uhr: Entzündeter Wasserstoff sprengte das Gebäude von Reaktor 3.

15. März 2011, 6.14 Uhr:

Explosiver Wasserstoff aus Block 3 zerriss das Dach von Reaktor 4 und legte das Abklingbecken mit gelagerten Brennstäben frei.

Satellitenbild vom 17. März 2011

500 m

Japan

Der Boden der Anlage ist mit Beton versiegelt, damit radioaktive Teilchen nicht einsickern oder aufgewirbelt werden.

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Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

Neben einem neuen Bürogebäude gibt es für die mehr als 1.000 Arbeiter Unterkünfte und einen Supermarkt.

In hunderten Tanks lagert radioaktiv belastetes Kühlwasser.

100 m

Roboter untersuchen die Schäden in den Reaktoren. Wegen der hohen Strahlung versagten zuletzt im Februar 2017 zwei der Maschinen im Block 2.

Eine Eiswand im Boden um die Reaktorblöcke soll verhindern, dass Grundwasser unter die Anlage fließt und Radioaktivität ins Meer spült.

Seit Juli 2013 ist Reaktorgebäude 4 ummantelt. Bis Dezember 2015 wurden alle Brennstäbe aus dem Abklingbecken entfernt.

Satellitenbild vom 12. November 2015

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Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

11. März 2011, 14.46 Uhr Ortszeit:

Ein Beben der Stärke 9 ereignete sich vor Japan. Mehrere Tsunamis, bis zu 14 Meter hohe Wellen, trafen innerhalb einer Stunde das AKW Fukushima-Daiichi.

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Die Reaktorblöcke 5 und 6 wurden von dem Beben und den Tsunamis kaum beschädigt. Sie waren nicht in Betrieb.

Rund 80 Prozent der ausgetretenen Radioaktivität wehte aufs Meer.

12. März 2011, 15.36 Uhr:

Eine Wasserstoff­explosion zerfetzte die Betonhülle des überhitzten Reaktorgebäudes 1.

Aus Reaktor 2 entwich die größte Menge radioaktiver Stoffe beim Versuch, ihn zu stabilisieren.

14. März 2011, 11.01 Uhr: Entzündeter Wasserstoff sprengte das Gebäude von Reaktor 3.

15. März 2011, 6.14 Uhr:

Explosiver Wasserstoff aus Block 3 zerriss das Dach von Reaktor 4 und legte das Abklingbecken mit gelagerten Brennstäben frei.

Satellitenbild vom 17. März 2011

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Heute wissen wir, dass die mit Abstand größte Menge an radioaktiven Stoffen nicht durch die Detonationen freigesetzt worden ist, sondern aus Reaktor 2 stammt. Er scheint gerissen zu sein. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte Reaktor 2 gehalten. Womöglich würden Schrebergärtner im Nachbarort Okuma Town schon wieder Tomaten anpflanzen.

Georg Steinhauser ist seit 2015 Professor für Umweltradioaktivität an der Leibniz Universität Hannover. Im Jahr 2013 erhielt er Zutritt zur Sperrzone rund um Fukushima, um Proben zu nehmen. Im Jahr 2014 war er als Gastprofessor an der Fukushima University tätig. © Privat

ZEIT ONLINE: Es kam anders. Wie schlimm war die Katastrophe, wie viele Menschen starben?

Steinhauser: An der Strahlung selbst ist niemand direkt gestorben. Das Erdbeben hat einen riesigen Tsunami ausgelöst, der einen kompletten Landstrich ausgelöscht hat. Bis zu 18.500 Menschen starben – trotz aller Sicherheitsvorkehrungen.

ZEIT ONLINE: Aber werden die Menschen nicht künftig Krebs bekommen, weil sie Radioaktivität ausgesetzt waren?

Steinhauser: Es wird durch Fukushima Krebstote geben. Die Strahlendosen sind jedoch so niedrig geblieben, dass es unmöglich ist, zu sagen, welche Krebsfälle tatsächlich auf den Unfall zurückzuführen sind. Statistisch werden sie wohl nie auffällig werden.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu den Berichten, dass Kinder und Jugendliche an Schilddrüsenkrebs erkrankt seien?

Steinhauser: Diese Ergebnisse stammen von einem Monitoring, für das Mediziner Hunderttausende Kinder und Jugendliche aus den betroffenen Regionen untersucht haben. Hier hat sich tatsächlich eine geringe Erhöhung von Schilddrüsentumoren gezeigt. Doch vieles an der Studie ist fragwürdig. Selbst wer hohen Dosen radioaktiver Strahlung ausgesetzt gewesen ist, zeigt frühestens vier bis fünf Jahre später Veränderungen an der Schilddrüse. Falls er überhaupt erkrankt. Das wissen wir seit Tschernobyl. Dort tauchten die meisten Fälle sogar erst zehn bis zwölf Jahre nach dem Unfall auf. In Fukushima behaupteten einige Ärzte schon zwei Jahre später, es gäbe 110 Schilddrüsenkrebsfälle wegen des Unfalls. Das ergibt keinen Sinn.