Günter Lubitz hat einen sensiblen Zeitpunkt gewählt. An diesem Freitag jährt sich zum zweiten Mal der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, durch den 150 Menschen ums Leben kamen. Etwa zur gleichen Zeit, zu der damals das Flugzeug in ein abgelegenes Tal stürzte, hatte der Vater des Copiloten Andreas Lubitz in das Berliner Maritim-Hotel geladen. Dort stellte er ein eigenes Gutachten zu der Tragödie vor. Die These, die darin vertreten wird, lautet im Kern: Es ist nicht ausreichend belegt, dass Andreas Lubitz das Flugzeug willentlich zum Absturz gebracht hat.

Auf rund 800 Seiten, die ZEIT ONLINE teilweise einsehen konnte, listet Gutachter Tim van Beveren zahlreiche Ungereimtheiten und Ermittlungsfehler auf, die er im Fall von Flug 4U9525 gefunden haben will. Aus all diesen Details zieht er den Schluss: "Die These eines vorsätzlichen Massenmordes ist nicht haltbar."

Schon die Einladung zur Präsentation des Gutachtens hatte für viel Kritik gesorgt. "Einer Pressekonferenz ausgerechnet in den Minuten, in denen in Le Vernet der Toten gedacht wird, geht es offensichtlich nicht in erster Linie um die Inhalte, sondern um den Showeffekt", sagte der Opferanwalt Elmar Giemulla ZEIT ONLINE. Die Lufthansa teilte mit, die Behörden hätten die Absturzursache aufgeklärt, es gebe keinen Grund an den Ergebnissen zu zweifeln. "Aus unserer Sicht ist solch eine Veranstaltung an diesem Datum völlig deplatziert."

Umstrittener Gutachter mit eigener Theorie

"Natürlich haben wir damit gerechnet, dass uns dieser Termin übel genommen wird", antwortete Günter Lubitz auf diese Kritik. Seine Familie habe diesen Tag jedoch nicht gewählt, um die Angehörigen zu verletzen, "sondern weil er uns am meisten Gehör verspricht". Wie alle anderen Angehörigen empfinde er seit zwei Jahren "Fassungslosigkeit und Trauer". Doch die Trauer seiner Familie sei eine spezielle: "Wir müssen damit leben, dass unser Sohn in den Medien als depressiver Massenmörder dargestellt wird", und dass, "wenn es abscheuliche Attentate auf der Welt gibt, er immer erwähnt wird".

Diesem Eindruck will das Gutachten von Tim van Beveren ein Fragezeichen entgegensetzen. Er hat die 16.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und der Sonderkommission Alpen ausgewertet sowie im Umfeld der Germanwings und von Andreas Lubitz recherchiert. Der Pilot und Fachjournalist hat 1998 schon einmal ein Gutachten zu einem Flugzeugabsturz verfasst, damals für die Staatsanwaltschaft Frankfurt. An seiner Person hatte es vorab Kritik gegeben. Der Opferanwalt Giemulla sagte über ihn: "Van Beveren verbeißt sich immer in ein Thema und blendet dann alles andere aus." In der Luftfahrtbranche ist er durchaus umstritten.

Van Beveren glaubt nicht an einen Suizid als Auslöser des Absturzes. Eine mögliche Ursache der Katastrophe sieht der Gutachter vielmehr in einer besonderen Wetterlage, möglicherweise kombiniert mit technischen Mängeln.

Eigentlich ist die Absturzursache weitgehend geklärt. Die französischen und deutschen Behörden hatten über Monate erdrückende Belege zusammengetragen. Die Kollision mit dem Boden sei "durch eine bewusste und geplante Handlung des Copiloten verursacht" worden. So steht es im Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde Bureau d’Enquêtes et d’Analyses (BEA) vom März 2016. Andreas Lubitz habe entschieden, sich selbst zu töten, während er alleine im Cockpit war. Der Flugkapitän hatte seinen Platz zuvor verlassen. Als er zurückkam, habe er die Tür verschlossen vorgefunden. Mehrfach habe er geklopft, aber keine Antwort erhalten. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf kam zum gleichen Ergebnis wie die französischen Unfalluntersucher. In ihrem Abschlussvermerk im Dezember 2016 stellte sie fest: Der Copilot habe den Absturz in suizidaler Absicht herbeigeführt.

Günter Lubitz hält dagegen: Die Ermittler hätten nie einen Abschiedsbrief gefunden. Noch in der Todesmaschine, im Steigflug, habe sein Sohn in Ruhe sein Frühstück gegessen, so stehe es im BEA-Bericht. Andreas Lubitz hatte eine Freundin, es seien Hochzeit und Kinder geplant gewesen. Der Vater sagt auch, "dass unser Sohn zum Zeitpunkt des Absturzes nicht an Depressionen litt". Das bestätigte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft schließlich in ihrem Abschlussvermerk und rückte dabei von ihrer anfänglichen These ab.

Germanwings-Absturz - Vater des Copiloten zweifelt Ermittlungsergebnisse an Günter Lubitz wehrt sich gegen den Vorwurf, sein Sohn habe die Germanwings-Maschine absichtlich abstürzen lassen. Andreas Lubitz habe zum Unglückszeitpunkt nicht an Depressionen gelitten. © Foto: Markus Schreiber/dpa