Um meinen ersten Raketenstart zu erleben, muss ich früh hoch. Wecker halb sechs, Flug ab Hamburg um sieben, umsteigen in Frankfurt gegen acht, an Paris viertel nach zehn. Hier steige ich in die Chartermaschine der Esa, um zum Ziel zu gelangen: dem europäischen Weltraumbahnhof in Kourou. Die zweistrahlige Boeing der Air France hebt Mittags ab, achteinhalb Stunden Flug liegen vor uns, unter uns die meiste Zeit Meer. An Bord dösen Raumfahrtexperten und Journalisten aus Frankreich, Deutschland, England, Österreich, den Niederlanden, Slowenien, Belgien, Italien, Norwegen, und bestimmt habe ich ein paar Nationen vergessen, weil wir Europäer einfach immer mehr sind, als uns bewusst ist.

Auf halber Strecke ruft Josef Aschbacher zu einer Pressekonferenz ins Heck der Maschine. Er ist der Chef des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus, dessen jüngster Satellit nun in den Orbit geschossen werden soll. Er wolle, sagt er, anlässlich dieses Ereignisses doch den Euroskeptikern jetzt mal etwas zurufen, nämlich: "Wir haben das beste Erdbeobachtungsprogramm. Es gibt nichts Vergleichbares weltweit. Die Europäische Kommission, die Weltraumagentur Esa und die Mitgliedsstaaten arbeiten hier ideal zusammen. Dies ist Europa!"

Die EU grenzt an Surinam

Das wird er ja noch mal sagen dürfen. Denn es ist doch so: Oben drängt Europa zu den Sternen, unten zerlegt es sich in Einzelteile. Passt nicht recht zusammen. Mir fällt zu allem Elend noch die AfD ein: Wie steht die deutsche Zurückdrehungspartei eigentlich zur europäischen Weltraumfahrt? Will sie Peenemünde wieder flott machen?

Wir landen in Cayenne, Französisch-Guayana, jener französischen Provinz, die deutlich außerhalb Europas liegt. Mir war gar nicht klar, dass die EU an Brasilien und Surinam grenzt. Ist aber so.

Dahinter liegt trübe Kolonialgeschichte. Kolumbus, vom Passat angetrieben, ging 1498 vor Anker. Die Franzosen kamen 1604. Sklavenhandel, später dann Straflager für 70.000 Verbrecher oder auch nur Unliebsame. Papillon, verfilmt mit Steve McQueen, spielt auf der Teufelsinsel in Sichtweite der Küste. Anfang der Sechziger Jahre kam Präsident Charles de Gaulle auf die Idee mit den Raketen. Denn hier kann man wegen der Nähe zum Äquator mit weniger Treibstoff starten als anderswo, der Ozean mindert das Risiko von Personenschäden, es gibt weder Erdbeben noch Vulkane noch Wirbelstürme – und es gibt Platz.

Französisch-Guayana ist so groß wie Österreich oder so klein wie Kiel, nimmt man die Fläche oder die Einwohnerzahl. Es ist die ärmste Region Frankreichs und die mit dem meisten Dschungel. Wer mit seinem Französisch hier nicht durchdringt, kann es mit Taki- Taki oder Galibi versuchen, indigenen Sprachen, die überlebt haben.

Beim Verlassen des Flugzeugs schlägt uns Wintergäste die Hitzefaust nieder. 30 Grad, selbst die Luft schwitzt, und der Himmel schiebt schwarzgezackte Wolken über das endlose Grün. Gewitter sind immer möglich oder Wolkenbrüche, denen kein Schirm und keine Jacke standhält.

Unsere Besuchergruppe geht zu Fuß zum Terminal. Auf dem Rollfeld sehe ich nur eine andere große Maschine. Hier fliegen hauptsächlich Mücken. Bei der Ausweiskontrolle werden wir vor Zika gewarnt. Ohne den Nachweis der Gelbfieberimpfung kommt eh niemand rein. Willkommen in den Tropen.

Raumfahrt - Fünfter europäischer Erdbeobachtungssatellit gestartet Der Satellit sei am Dienstag mit einer Trägerrakete vom Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana aus gestartet, teilte die Weltraumbehörde ESA mit. © Foto: Reuters TV

Kourou bietet einen geopolitischen Knüller

In den französischen Tropen. Über die Nationalstraßen Nummer zwei und Nummer eins fahren wir Kourou entgegen. Ein Kreisverkehr nach dem anderen, Peugeots und Palmen. Am Ziel stehen ein paar Hotels, eine preiswerte Übernachtung kostet 100 Euro, und nebenan erwartet uns am Montagmorgen das Raketenzentrum.

Reporter Ulrich Stock vor der russischen Abschussrampe in Kourou. © J. Emand

Fünfzig Kilometer lang erstreckt es sich am Atlantik, siebenmal Paris passte auf das Gelände, rechnet uns jemand aus. Aber was soll das heißen? Der europäische Weltraumbahnhof ist groß, grün und öd. Nur stellenweise ist der Dschungel gerodet und macht abnormen Bauten Platz, wie einem neunzig Meter hohen Raketenzusammensetzungssilo oder einem Raketenabschusssteuerungsbunker. Oder dem geopolitischen Knüller hier: der gewaltigen russischen Sojus-Startrampe mit ihrem 27 Meter tiefen Abgastrichter unter den Düsen, brandschutztechnisch betreut von der Pariser Berufsfeuerwehr. Verteidigt von der französischen Fremdenlegion und der Nato, falls eine fremde Macht angreifen sollte. Am Himmel ist ein Hand-in-Hand zwischen Ost und West möglich, das am Boden verlorengegangen zu sein scheint.

Jeden Monat startet in Kourou eine Rakete. Drei Typen gibt es, die große europäische Ariane für die schwersten Lasten, die mittelgroße russische Sojus oder die kleine europäisch-italienische Vega, die jetzt den Satelliten Sentinel-2B ins All bringen soll. Die Esa freut sich, wenn europäische Medien den weiten Weg auf sich nehmen und zuschauen: Die ganze All-Geschichte kostet viele Milliarden, sodass es nur richtig ist, wenn die steuerzahlenden Leser, Hörer und Fernsehzuschauer mal erfahren, wo das Geld bleibt.

Wir besichtigen Kontrollzentren, wie man sie von der Nasa kennt, mit blinkenden Bildschirmen und Experten, die konzentriert davorsitzen. Wir sehen die Baustelle der Abschussbasis für die neue Ariane-Rakete. Gerade wird der Abgastrichter ausgehoben. Der erste Abgastrichter der Esa – von den Russen abgeschaut! Wir dürfen sogar, wenige Stunden vor dem Abheben, die Vega aus der Nähe sehen, sicherheitshalber mit einer Gasmaske am Gürtel, die wir überstreifen können, falls plötzlich Treibstoff austreten sollte, der uns die Lungen zersetzen würde.

Der letzte Countdown beginnt am Nachmittag

Ingenieure erklären die Finessen der Satelliten- und Raketentechnik, das Geleistete erscheint eindrucksvoll. In jedem Gespräch wird deutlich, wie verzahnt die europäische Weltraumfahrt ist. 22 Mitgliedsländer hat die Esa, Slowenien stößt jetzt dazu, und Kanada ist auch beteiligt. Sie alle reden mit und wirken mit, und ungeachtet aller Unterschiede gelingt Start um Start.

Wird auch Mission VV09 gelingen? Am Montagnachmittag beginnt der letzte Countdown für die Vega. Gestartet wird, wenn, am Abend um 22 Uhr 49 Minuten und 24 Sekunden Ortszeit. In Mitteleuropa wäre das vier Stunden später.

Alle Systeme noch einmal prüfen. Spielt das Wetter mit? Zu starker Wind wäre ein Verschiebungsgrund, weil er im Unglücksfall Gase und Trümmer auf Kourou zutreiben würde. Die Ingenieure im Jupiter, dem größten Kontrollzentrum, sind bei aller Vorfreude angespannt. Zwar haben seit Jahren alle Starts geklappt, aber man weiß ja nie.

Binnen weniger Minuten ist die Rakete fort

Lokale und internationale Gäste versammeln sich im Zuschauersaal, vom Kontrollraum nur durch eine Glasscheibe getrennt, was kurios ist. Denn einerseits ist bei der Esa alles streng geheim, abgesperrt, mit Nato-Draht gesichert, und aufs Gelände kommt nur, wer eine Kaskade von Taschenkontrollen hinter sich bringt und mit einer Fülle von Papieren ausgestattet ist – andererseits lässt sich alles aus nächster Nähe sehen und sogar fotografieren.

Fünf Minuten noch… drei... zwei Minuten vor dem Start öffnen sich die Außentüren des Kontrollzentrums, und wir strömen nach draußen auf die Terrasse. Die Startrampe ist vielleicht zehn Kilometer entfernt. Plötzlich ein gleißendes Licht im Nachtschwarz, das zu einem weißen Strich wird, in der Wolkendecke verschwindet, kurz noch einmal durchscheint. Alles in Stille. Dann erst fegt der Donner der Triebwerke übers Gelände.

Binnen weniger Minuten ist die Rakete über der Karibik, über Kanada, zündet gehorsam alle ihre Stufen, bis sie ihren Satelliten nach einer guten Stunde in 786 Kilometer Höhe abgeliefert hat. Nun übernimmt das Europäische Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt die Leitung, und in Kourou können sie Feierabend machen.

Ich setze mich ins Pressezentrum und schreibe meine Eindrücke auf, als Jan Wörner hereinkommt, der deutsche Esa-Direktor. Er bringt den Journalisten noch einen englischen Begriff mit: United Space of Europe. Europäer vereint im Weltraum, die habe man heute erleben können. Und wenn denen die United States of Europe folgten, wie schön wäre das!

Der Mann gefällt mir.