"Nein, das ist falsch. Irgendwas ist falsch." – John McNabbs erste Reaktion war mehr Skepsis als Begeisterung. Vielleicht auch verständlich. Denn was da auf dem Tisch des Archäologen von der Universität Southampton lag, stellte große Teile der Menschheitsgeschichte auf den Kopf. Wie würden Sie da reagieren?

McNabbs Skepsis gilt den Untersuchungsergebnissen des Archäologen Steven Holen. Zusammen mit seinem Team hat der seine Analysen einer Mastodon-Fundstelle in Kalifornien nun in Nature veröffentlicht (Holen et al., 2017). Und die Wissenschaftler sind überzeugt: Auf die Knochen und Stoßzähne dieses frühen Verwandten des Elefanten hat irgendjemand mit einem steinernen Amboss eingeschlagen, die Gebeine wurden grob zertrümmert. Auf dem, was übrig blieb, fanden die Forscher Schnittspuren, woraus sie schließen, dass das Tier noch nicht lange tot gewesen sein kann. Laut Holen müssen die Täter Menschen gewesen sein. Und da wird es spannend.

Schließlich ist das Mastodon-Skelett 130.000 Jahre alt. Bis heute galt aber, dass der Homo sapiens in Amerika erst 100.000 Jahre später ankam. Welches Volk könnte damals bereits an der amerikanischen Westküste gelebt haben? Die Neandertaler? Die vor wenigen Jahren entdeckten Denisova-Menschen? Beide bewohnten schon Asien, als der moderne Mensch erst anfing, sich auf den Kontinenten auszubreiten. Aber könnten Neandertaler oder Denisova-Menschen überhaupt nach Amerika gewandert sein?

Gefeiert wird erst, wenn weitere Belege gefunden sind

Um sich klarzumachen, wie erstaunlich diese Völkerwanderung wäre, lohnt ein Blick auf den Ort, an dem die ersten Menschen von Asien nach Amerika übergesetzt sein sollen. Nach bisherigen Erkenntnissen wanderten die frühen Völker vor rund zwei Dutzend Jahrtausenden oder gar später über die Beringstraße. Das ist eine Meerenge zwischen Sibirien und Alaska. Heute ist sie an der engsten Stelle etwa 85 Kilometer breit. Damals, vor 130.000 Jahren, war sie viel breiter, also auch viel schwieriger zu überqueren.

"Solange wir kein Skelett finden aus der Zeit, ist all das Spekulation. Wir wissen es einfach nicht", sagt John McNabb. Er hat die Forschungsergebnisse in einem Videointerview für Nature eingeordnet. Darin weist er auch noch darauf hin, dass die Kollegen in San Diego zwar Steine gefunden haben, die als Werkzeuge gedient haben könnten. Sie fanden aber keine geschliffenen Steine, an denen deutlich erkennbar wäre, dass frühe Menschen sie zu Werkzeugen geformt haben.

Auch andere Experten wollen das Ergebnis nicht feiern, ehe weitere Belege für die Anwesenheit archaischer Menschenarten in Amerika gefunden sind. Seien sie wirklich vor 130.000 Jahren aus Asien in die Neue Welt gereist, hätten sie dort beste Lebensbedingungen vorgefunden, sagte der Max-Planck-Forscher Jean-Jacques Hublin der ZEIT. Er fragt sich: "Warum hat man bislang nie Überreste von ihnen entdeckt?"

"Es gab schon eigenartigere archäologische Funde", sagt John McNabb. Vielleicht sei es nicht komplett unmöglich, dass die ersten Menschen schon vor 130.000 Jahren in Amerika waren. Wenn dies tatsächlich der Fall wäre, sei dies aber kein Forschungsergebnis, das eine wissenschaftliche Lücke schließt. Dann öffne sich ein komplett neues Kapitel der frühen Menschheitsgeschichte.

So liest sich die bisherige Geschichte der Besiedlung Amerikas:

Quelle: University of Colorado, Idaho Museum of Natural History, PlosOne © ZEIT-Grafik: Anne Gerdes